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Fuerteventura - Urlaubstagebuch

von Anne Berg

Zu den handelnden Personen: Wir, Anne und Wolfgang Berg, beide Mitte 40, sind ein reislustiges, in Norddeutschland lebendes und arbeitendes Paar. Wolfgang ist Konstruktions-Ingenieur; ich bin „Tausendsassa“ bei einer Agentur, die einen überregionalen Radweg betreut und vermarktet
( www.weser-radweg.de ).

Neben zahlreichen Ferienhaus-Aufenthalten in Norddeutschland und Wohnmobiltouren durch Norwegen verbrachten wir (bevor wir Fuerte kennen und lieben lernten) unsere Urlaubswochen und Sommerwochenenden auf einem Segelschiff in Dänemark. Wir haben auf dem Wasserweg die Ostsee zwischen Flensburg und Stockholm erkundet. Mal eben in die „Sonne“ fliegen kam für uns – aus gesundheitlichen Gründen – lange Zeit nicht in Frage. Aber dann, dann hat es uns gepackt: Nach einem Weihnachtsurlaub auf Teneriffa flogen wir einige Jahre später nach Fuerteventura. Und es stimmt, was von der Insel geschrieben wird: entweder einmal und nie wieder oder immer, immer wieder.....

Der nachfolgende Bericht handelt von unserem ersten Fuerteventura-Aufenthalt im Dezember 2002, wo wir noch als Individualurlauber unterwegs waren, und u.a. von den ersten „niederschmetternden“ Eindrücken, die wir nach der Landung auf Fuerteventura hatten. Die Insel hat uns dann aber schnell eingefangen mit ihren faszinierenden Landschaften und ihrem Licht- und Farbenspiel......

Mittlerweile haben wir den „Pauschal-Urlaub“ für uns entdeckt und waren in den letzten Jahren mindestens einmal jährlich auf der Insel.

Urlaubsplanung und -vorbereitung

„Wohin fahren wir dieses Jahr über Weihnachten — ?“
„Nicht wieder nach Dänemark. Ich will in die Sonne.“
„Aber keine Konservenreise aus dem Katalog. Wir suchen uns selbst was.“
„Wo suchen wir uns was?“
„Da wo die Sonne erschwinglich ist.“
„Bezahlbare Sonne im Dezember gibt´s in Europa nur auf den Kanaren.“
„OK. Und welche der 7 Inseln soll es sein?“

Nach umfangreicher Prüfung diverser Kanaren-Literatur gab schließlich ein doppelseitiges Foto der Playa Sotavento im HB-Atlas den Ausschlag. Viel Himmel, viel Meer und noch viel mehr Sonne und Strand: Fuerteventura.

Das Ziel und der Termin standen also fest. Fehlten nur noch der Flug und die Unterkunft. Die Suche nach einem Appartement oder einer Ferienwohnung auf der Halbinsel Jandia im Süden Fuerteventuras zwischen Costa Calma und Morro Jable war aufwendig und schwierig. Wir bekamen viele Absagen mit dem Hinweis „einen individuellen Kanarenurlaub über Weihnachten bucht man nicht drei Monate, sondern mindestens 6 Monate vorher. Aha!

Aber so schnell gaben wir nicht auf. Es kann doch nicht alles ausgebucht sein. War es auch nicht: Wir mieteten eine Fünf-Sterne-Ferienwohnung mit Meerblick am südlichen Ende der Costa Calma. Nun nur noch die Flüge fest buchen. Anfang September gab es noch genügend freie Plätze ab Bremen. Allerdings noch nicht reduziert. Sollten wir mit der Flugbuchung bis Anfang Dezember auf Lastminute-Angebote warten? Nein. Das Risiko ist zu groß. Schließlich ist die Ferienwohnung verbindlich gebucht. Also zweimal hin und zurück mit Hapag Lloyd: Bremen-Fuerteventura.

Und wer vermietet uns ein Auto auf Fuerte? Auch das fanden wir heraus und bekamen ein gutes Angebot (Autos Soto) für einen Kleinwagen, den wir direkt am Flughafen übernehmen konnten.

Jetzt war es also amtlich. Weihnachten 2002 würden wir nicht im kalten Deutschland verbringen. Zunächst ist es erst Mitte September und das Wetter spätsommerlich warm. Wir zählten die Wochen bis zum Abflugtermin und verbrachten die Zeit mit der Informationsrecherche über unser Urlaubsziel.

Die Kanaren: 7 Vulkaninseln aus dem Atlantik vor der marokkanischen Küste vor ca. 20 Mio. Jahren geboren. Nicht alle gleichzeitig. Fuerteventura ist die älteste und zweitgrößte Insel. Das Nesthäkchen El Hierro im Westen des kanarischen Archipels ist erdgeschichtlich die jüngste und geografisch die kleinste Insel. Die Inselgruppe ist verwaltungsmäßig in die Westkanaren (Teneriffa, La Gomera, La Palma und El Hierro) und die Ostkanaren (Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria) aufgeteilt.

Fast nicht zu glauben, aber Fuerteventura hat als größte Insel der Ostkanaren die wenigsten Einwohner. Es sind nur ca. 60.000 Menschen, von denen der Hauptteil in der Hauptstadt Puerto del Rosario und dem zugehörigen Verwaltungsbezirk lebt. Zum Vergleich: Gran Canaria ist nur unwesentlich kleiner als Fuerteventura zählt aber immerhin gut 700.000 Einwohner. Die Haupteinnahmequelle des Archipels ist der Tourismus, der den Inseln seit den 60er Jahren einen immensen wirtschaftlichen Aufschwung beschert.
Die Reiselust der Deutschen ist, trotz schlechter wirtschaftlicher Lage im eigenen Land, ungebrochen. Im Jahr 2003 starteten mehr als 37 Mio. Reisende von deutschen Flughäfen ins europäische Ausland. Den Löwenanteil daran hat Spanien. In der Beliebtheitsskala der Kanaren rangiert Fuerteventura mit ihren Traumstränden eher im Mittelfeld. Es wird von ca. 1,3 Mio. Urlaubern pro Jahr gesprochen. Die Hälfte davon sind Deutsche, wobei in den Sommermonaten viele Festlandspanier und Briten ihren Urlaub auf der Insel verbringen.

Abgehoben

Die Zeit bis zum Abflugtermin, eine Woche vor Weihnachten, verging schnell. Die Koffer wurden gepackt; natürlich nur mit Sommerkleidung. Die musste erst mal wieder herausgesucht und gebügelt werden. Mit Freude. Wir kauften Sonnenmilch, besorgten kleine leichte und vor allem transportierbare Weihnachtsgeschenke für uns und waren am Vorabend des Abfluges am Flughafen, um den „Vorabend-check-in“ zu nutzen. Diesen Service bieten Fluggesellschaften für Abflüge am frühren Morgen des Folgetages. Wir brauchten also am Abflugtag nicht ganz so früh am Flughafen sein.

Wir sind keine „Vielflieger“. Und in die „Sonne“ sind wir bislang auch nur einmal geflogen. Das war vor einigen Jahren, da hatten wir auf Teneriffa über die Weihnachtstage ein Ferienhaus gemietet. Diese Reise war bis auf den Flug und die vielgesichtige, sehr schöne und grüne Insel Teneriffa, in nicht besonders guter Erinnerung bei uns. Eine wahnwitzige Frau vergällte uns mit ihren Verfolgungsattacken den Urlaub.

An diesem Vorabend vor dem Flug waren wir doch etwas aufgeregt. Rein rechnerisch hätten wir für
eine Abflugzeit um 6.00 Uhr spätestens um 5.00 Uhr am Flughafen sein müssen. Bei einer Fahrzeit von ca. 20 Minuten von der Wohnung bis zum Flughafen müssten wir um ca. 4.30 Uhr von zu Hause weg.
Es war Mitte Dezember, die Temperatur lag um Null Grad. Was ist, wenn wir Schneeregen und Glatteis bekommen oder wir verschlafen? Große Diskussion und Ehekrise. Wolfgang sagt gegen 21.00 Uhr: „Warum fährst Du nicht jetzt schon zum Flughafen und schläfst da?“ Ich bin beleidigt und ziehe mich zurück. Allerdings nicht, ohne den Wecker auf 2.30 Uhr zu stellen.

Um 2.15 Uhr stehe ich auf und treffe im Bad den Ehemann, der auch ein wenig Reisefieber hat. Natürlich waren wir überpünktlich am Flughafen und die blaue Hapag-Lloyd-Maschine (nur zu ca. 70 % belegt) startete pünktlich. Ich fliege aus drei Gründen gerne mit HF:
Diese Fluggesellschaft hat mit die jüngste Flotte und es ist bekannt, das bei der Wartung und beim Personal nicht gespart wird.
Ich bin im Besitz der TUI-Card und kann deshalb bei über TUI gebuchten Flügen gratis die Sitzplatzreservierung vornehmen und habe ebenfalls kostenlos die Reiserücktrittsversicherung mit dabei.
Ich liebe die Farbe blau. Die Hapag-Maschinen sind innen wir außen wunderbar blau gestaltet.

Ich bin glücklich und zufrieden. Was gibt es schöneres als vom Flugzeug aus die Sonne aufgehen zu sehen? Wir hatten Urlaub und flüchteten aus dem dunklen, kalten, nassen und hektischen Vorweihnachts-Deutschland.

Auf dem Bordmonitor wurde die aktuelle Flugposition angezeigt. Aha, schon fast über der Biskaya. Zeit für´s Frühstück. Auch das finde ich sensationell: über den Wolken zu frühstücken. Meine Uhr hatte ich schon um eine Stunde zurückgestellt. Der Zeitunterschied auf den Kanaren beträgt Minus 1 Stunde, da die Inselgruppe zur westeuropäischen Zeitzone gehört. Die reine Flugzeit beläuft sich auf ca. 4,5 Stunden von Bremen nach Fuerteventura. Ankunftszeit in Puerto del Rosario auf Fuerteventura also um 9.30 Uhr.

Wir haben zwar in der letzten Nacht wenig geschlafen, dafür bekommen wir auf unserer Urlaubsinsel aufgrund des frühen Abfluges fast einen ganzen Urlaubstag geschenkt. Wir würden aus diesem Grund immer Nacht- oder Frühflüge wählen. Bei einer Abflugzeit nachmittags oder abends in Deutschland kommt man im dunklen auf den Kanaren an. Durch die Äquatornähe ist die Dämmerungszeit kurz. Sonnenuntergang im Dezember ca. 19.00 Uhr, im Hochsommer spätestens 22.00 Uhr.

Die Flugzeit ist kurzweilig. Das Bordpersonal ist immer bemüht und sehr freundlich. Das stelle ich mir sehr anstrengend vor: permanent zu lächeln und immer ansprechbar zu sein. Auf jeden Fall vergeht die Zeit wirklich wie im Flug. Nun sind wir schon in der Anflugphase. Wir sitzen auf der rechten Seite der Maschine und können unter uns Lanzarote sehen. Dunkel und mächtig wirkt die viertkleinste Kanareninsel, die nur durch eine ca. 10 km schmale Meerenge von Fuerteventura getrennt ist und gemeinsam mit Fuerteventura einen submarinen Inselsockel besitzt. Jetzt sind schon die weiß leuchtenden Strände und Dünen bei Corralejo im Norden von Fuerteventura zu erkennen.

Koffer-Los

Und dann sind wir unten. Wir stehen am Kofferband, das sich erst mal nicht bewegt. Nicht nur wir, sondern auch die Mitreisenden starren wie hypnotisiert auf das Loch mit der Rampe in der Mitte des Bandrondells. Aber erst mal passiert gar nichts. Es ist still. Eine komische Situation. Ungefähr 150 Personen stehen mit ernsten Gesichtern am Kofferband. Gesprochen wird nicht. Dann gibt es ein kleines Geräusch. Rumpelnd und scharrend setzt sich die schwarze Raupe in Bewegung: der erste Koffer erscheint aus dem dunklen Untergrund und wird auf das Band geschoben. Die Menschenmenge am
Band wird unruhig und die Hälse werden länger.

Wann kommt mein Koffer? Auf dem Band dreht sich jetzt ein buntes Sortiment von Koffern, Reisetaschen, Sonnenschirmen, Kinderbuggies, Surf- und Kitebrettern, etc. Jedes Stück findet seinen Eigentümer und wird mit unbewegter Miene vom Band genommen.

Wir stehen immer noch am Band und starren auf die Klappe. In meinem Kopfkino läuft gerade der Film: „DAS GEPÄCK IST WEG“. Was ist, wenn die Koffer nicht da sind? Vielleicht wurden sie falsch verladen und waren gar nicht in der Maschine? Wo müssen wir den Nachforschungsantrag stellen? Wie lange dauert das? Und was machen wir hier bei 25 Grad ohne Sommer- und vor allem Badekleidung? Bekommen wir den Schaden ersetzt? Meine Lieblingskleider sind im Gepäck. So tolle Kleider bekomme ich doch so schnell nicht wieder! Während ich den Inhalt meines Koffers noch mal durchgehe, erscheint Wolfgangs Koffer auf dem Band. Zu mir sagt er: „Dein Gepäck kommt nie. Das ist in Moskau!“ Wie gemein.

Die Aufregung schlägt mir auf die Blase. Ich gehe erst mal auf´s Örtchen. Wolfgang bleibt am Band. Als ich zurückkomme, ist auch mein Koffer endlich ausgeladen. Mit einigen anderen Nachzüglern schuckelt er völlig unbekümmert auf mich zu. Das war´s. Jetzt zum Ausgang.

Hej, ist das hell und warm hier! Die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel. Meine Strickjacke hatte ich schon ausgezogen. Jetzt würde ich am liebsten barfuss gehen. Es ist noch nicht mal 11:00 Uhr und so warm! Toll, das frühe Aufstehen heute morgen hat sich doch schon gelohnt.

Der Schock
"Steinbruch-Eiland"

Wo steht unser reservierter PKW? Wir finden den Vertreter von Autos Soto. Die Abwicklung der Regularien ist problemlos und wir erhalten die Schlüssel für einen Ford Fiesta und die Geschäfts-bedingungen. Die hatten wir schon in Deutschland erhalten und gelesen, dass mit normalen PKWs
keine unbefestigten Straßen oder Wege befahren werden dürfen. Bei Schäden am Wagen zahlt die Versicherung nicht.

Uns war bekannt, dass die Zufahrt zur gebuchten Ferienwohnung allerdings unbefestigt sein soll. Aber gut befahrbar, so der Vermieter. Außerdem hätte er (der Vermieter) mit Autos Soto abgesprochen, dass wir den Zufahrtsweg mit dem PKW befahren dürften. Nun denn. Anderenfalls hätten wir einen fast doppelt so teuren Jeep mieten müssen. Jetzt fahren wir erst mal los. Laut Straßenkarte auf die FV2 Richtung Morro Jable. Auf dem Weg müssen wir eine Tankstelle finden. Die Tankfüllungen bei Leihwagen auf den Kanaren sind gering. Weit kommt man mit dem Benzin nicht. Nur wenige Kilometer südlich des Flughafens halten wir an einer Tankstelle.

Die Sonne strahlt immer noch vom klaren blauen Himmel. Wir sind allerdings ganz still geworden während unserer Fahrt auf der FV2 Richtung Süden. „Wie schrecklich!“ habe ich gedacht „und dafür haben wir Geld ausgegeben“. Das sieht ja schlimm aus hier! Da kann man doch keinen Urlaub machen. Innerlich bin ich ganz blass. Ich erinnere mich gelesen zu haben: „entweder man mag Fuerte und kommt immer wieder oder man mag es gar nicht und kommt nie wieder“. Jetzt verstehe ich diesen Satz. Das ist keine Sonnen-Insel, das ist ein Steinbruch! Vor den Gebirgszügen in der Inselmitte erstrecken sich weites, karges Ödland und Geröllflächen. Ohne Baum und Strauch, nichts Grünes schmeichelt dem Auge und der Seele. Aufgelockert wird dieses braun-graue Landschaftseinerlei nur durch die im Wind flatternden Sonnensegel von längst aufgegebenen Tomatenplantagen.

Wir sind enttäuscht. Was tun? Erst einmal weiterfahren, tanken und die Ferienwohnung beziehen. Die Fahrzeit vom Flughafen bis zur Halbinsel Jandia beträgt eine gute Stunde. Die Straße führt aufgrund der Berge nicht direkt an der Küste entlang. Vom Atlantik sahen wir nur in Flughafennähe etwas. Und da waren wir noch gar nicht aufnahmefähig für den blauen Anblick.

Endlich: Das Meer!

Einige Kilometer vor Costa Calma bei Tarajalejo bot sich uns auf einmal ein atemberaubender Blick: Vor uns lag der Atlantik. Tiefblau und einladend. Das war doch was! Ja, genauso hatten wir uns das gedacht. So sieht Fuerteventura auch in den Reiseführern aus. Wir fühlten uns schon besser. Jetzt fuhren wir mit Sichtkontakt auf den Atlantik weiter.

Plötzlich war die Straße von hohen Palmen umgeben. Ein Ortsschild hatten wir nicht gesehen. Das muss schon Costa Calma sein mit dem künstlich angelegten Palmengarten. So weitläufig und vor allem so unvermittelt grün hätten wir die Anlage nicht erwartet. Costa Calma: ein Urlaubsort aus der Retorte. Da hätten die Planer ja zumindest eine Promenade und einen Marktplatz bzw. Ortsmittelpunkt anlegen können. Das ist wahrscheinlich während des Baumbooms Anfang der 70ger Jahr vergessen worden. Wichtig waren die Hotels, möglichst in Strandnähe.

Fast unvorstellbar für uns, dass diese gut ausgebaute und gut befahrbare Inselstraße, auf der wir Richtung Süden fahren, bis 1980 eine reine Schotterpiste war. Wie haben das die Urlauber des ersten Robinson Clubs in Jandia empfunden? Das ist uns jetzt erst mal egal. Gleich hinter Costa Calma in der Rechtskurve sollen wir laut Anfahrtsplan links in den Schotterweg einbiegen.

Au weia! Das ist kein Schotter, sondern grobes Geröll! Es hatte im Spätherbst – völlig untypisch für Fuerte – relativ viel und stark geregnet. Die unbewachsenen Berghänge habe keine Chance, das Wasser zu speichern. Es fließt ungehindert in die Schluchten, die Barrancos, und reißt Erde und Geröll mit sich.

Unser Weg führt am Rand eines Hügels sanft hinauf. Teilweise sind große Stücke des Weges vom Regen ausgewaschen. Beklommen rumpeln wir mit dem Fiesta den Weg entlang. Die kleine Appartementanlage können wir schon sehen. Sie macht von außen einen verlassenen und verwahrlosten Eindruck. Wo sind wir hier nur gelandet??? Hoffentlich setzt sich der bisherige Eindruck nicht in der Wohnung fort. Große Spannung. Was erwartet uns jetzt?

Wir atmen auf: von innen ist die Ferienwohnung ein Sahnestück: Hell, freundlich, sauber und gepflegt. Und eine Superaussicht von der großen Terrasse. Vom Wohnzimmer aus der pure Meerblick nach drei Seiten. Wir fühlen uns wie auf einem Kreuzfahrtschiff. Unter uns der breite Strand der Playa Barca, der sich ca. 20 km bis nach Morro Jable erstreckt. Bei Niedrigwasser fallen weite Teile dieses flachen Strandes trocken und es bildet sich ein großes Sandwatt, das auch bei Strandseglern beliebt ist. Durch die Weitläufigkeit dieses Areals gibt es aber keine Platzkonflikte zwischen Strandseglern, Surfern, Strandläufern und Sonnenanbetern. Dicht an dicht gestellte Liegestuhlreihen sucht man hier vergebens.

Und die Farbe des Atlantiks in der Mittagssonne: Nicht nur einfach blau, sondern aufgrund des ganz flach abfallenden Strandes türkis in allen Schattierungen bis hin zum tiefen Azurblau weiter draußen. Eine faszinierende Farbkombination. So etwas hatten wir auf Teneriffa nicht gesehen. Wir sind nun doch begeistert. Wollen wir gleich baden gehen oder erst Kofferauspacken und die Logistik erledigen? Logistik bedeutet für uns erfahrene Ferienhausurlauber, Dinge des täglichen Bedarfs zu besorgen. Kurz: einkaufen gehen. Wir entscheiden uns, erst die Pflicht zu erledigen.

Selbst gebucht oder Urlaub aus der Konserve?

Natürlich ist man bei einer Individualreise Selbstversorger. Auch das gehört zum Entdecken eines fremden Landes. Im heutigen Europa ist das Einkaufen im Supermarkt zwischen dem Nordkap und den Kanaren allerdings kein großes Abenteuer mehr. Bis auf wenige Abweichungen, — in Skandinavien zum Beispiel ist hochprozentiger Alkohol im Supermarkt nicht frei verkäuflich — sind die Märkte identisch aufgebaut. Die führenden weltweiten Lebensmittelmarken sind überall vertreten. Auch wenn man die einzelnen Bezeichnungen in der Landessprache nicht lesen kann, ist erkennbar, was drin ist; die Logos und Verpackungen sind gleich. In Ländern mit Euro-Währung spart man sich auch das lästige Umrechnen: Ist das jetzt teurer als bei uns?

Wir sind also im Supermercado Padilla (spanische Supermarktkette) in Morro Jable. Was brauchen wir? Brot, etwas Käse, einen schönen landestypischen Wein und aus dem reichhaltigen Obstangebot die schönsten Früchte. Fertig.

Halt: Wir haben das Wasser vergessen. Auf den Kanaren ist das Leitungswasser nicht genießbar. Es ist zwar nicht gesundheitsschädlich, aber es schmeckt und riecht nicht besonders gut. Alle Kanaren-Inseln — bis auf La Palma und Gran Canaria — haben wenig Grundwasser oder Quellen. Auf Fuerteventura ist selbst das rare Grundwasser teilweise mit Salzwasser versetzt und brackig. Das Leitungswasser auf den kanarischen Inseln wird mit großem Energieaufwand aus Meerwasser gewonnen. Trinkwasser muss also gekauft werden. Es gibt die unterschiedlichsten Gebinde bis hin zum 5-Liter-Tragekanister im Supermarkt.

Wir decken uns reichlich ein. Jetzt haben wir aber alles; ab zur Kasse. Wie in Deutschland findet hier das gleich Spiel statt: in welche Schlange reihen wir uns ein? Natürlich in die, bei der es am längsten dauert.

Das macht nichts. Wir haben Urlaub und keine Termine. Wir sind an keine Essenzeiten gebunden, brauchen uns zum Frühstück nicht komplett anziehen und Haare stylen bzw. rasieren....... wir dürfen die Frühstückszeit verschlafen, aufstehen, und unseren Kaffee im Schlafshirt trinken. Barfuss auf der Terrasse. Ohne Herrn und Frau Meier, Müller und Schulze am Nachbartisch!

Nachteil des selbst gebuchten Urlaubs: wir sind absolute Selbstversorger. Manchmal haben wir keine Lust zu kochen oder zu spülen; aber jeden Tag Essengehen strapaziert in einigen Urlaubsregionen den Geldbeutel. Etwas Neid auf die Pauschaltouristen kommt bei uns doch auf: Die setzen sich an einen gedeckten Tisch und essen. Ist ja alles gebucht und schon lange bezahlt. Beim Veranstalter. Und nach dem Essen gibt´s Programm mit Tanz und Show. Das hat auch was. Vor Buchung der Reise hatten wir natürlich die Preise in den Urlaubskatalogen verglichen. Fazit: Selbst gebucht und gesucht in der absoluten Hauptsaison (auf den Kanaren ist das Weihnachten) ist nur geringfügig günstiger und nur dann, wenn man vor Ort bei der Verpflegung sehr sparsam ist.

Aus Gründen der Unabhängigkeit haben wir uns trotzdem für die individuelle Urlaubsform entschieden. Bestärkt in unserer Entscheidung hat uns ein Erlebnis in Jandia abends gegen ca. 23:00 Uhr. Wir hatten wunderbaren Grillfisch an der Avenida del Mar gegessen. Das letzte Restaurant an der Promenade bietet auf der Speisekarte „Morro-Fisch“ an. Was das denn sei, fragten wir hungrig. Die freundliche Bedienung teilte uns mit: „Je nach Anlandung und Fang der Fischer werden alle gängigen Atlantikfische gegrillt.“

Dazu gab es leckeren Salat und Papas Arrugadas mit Mojo. Die Papas sind in Salzwasser gedämpfte, ungeschälte Kartoffeln. Die Schale wird mitgegessen. Und die Mojo gehört einfach dazu. Die Mojo-Soße gibt es in zwei Geschmacksrichtungen: die pikante rote Variante mit Paprika und Chili oder die liebliche, grüne Mojo mit Kräutern.

Wir saßen draußen, schlemmten und sahen auf´s Meer. Drei Tage vor Weihnachten. Es war köstlich! Anschließend bummelten wir durch Morro und Jandia Playa. Vor einem größeren Hotel hielt ein Bus. Die Kofferklappe weit geöffnet. Davor standen müde und zerzaust aussehende Urlauber und warteten auf die Kofferausgabe. Kinder weinten. Aus einer nahen Disco schallte laute Tanzmusik herüber. Die Gruppe machte keinen Urlaubseindruck auf uns. Nein, danke. Wie eine Herde Lämmer. Da müsste man uns zwingen, bevor wir Urlaub aus der Konserve buchen. Dann lieber unser kleines Stück kalkulierbares Abenteuer — einschließlich Geröllstraße.

Und die machte mir zunehmend Sorgen. Während unserer nächtlichen Rückfahrt von Morro war es stockdunkel auf dem Weg. Ich machte mir so meine Gedanken. Was kostet die Reparatur eines Achsenbruches oder ähnliches? Was kann alles kaputtgehen an einem normalen PKW bei dieser Belastung? Sollten wir nicht doch lieber das Auto gegen ein robusteres Fahrzeug eintauschen? Wir taten es. Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem stämmigen und unverwüstlichen Nissan Patrol über die Insel.

Blau-Gold

Zwei Menschen sind auch zwei Wünsche, Vorstellungen, Meinungen und Ziele. Die Inselkarte liegt auf dem Tisch und wir diskutieren (wieder mal). Wohin fahren wir heute? Wir müssen die gesamte Insel nicht an einem Tag abfahren. Fuerteventura ist knapp 100 km lang und damit die längste der Kanaren-Schwestern. Wir wohnen an der Taille der Insel. An der schmalsten Stelle, wo der Istmo de la Pared die Halbinsel Jandia von der Nordinsel trennt.

Auf Jandia befindet sich auch der höchste Gebirgszug der Insel mit dem Pico del la Zarza (807 m). Ein Wanderweg führt hinauf. Man braucht neben einer guten Kondition, Ausdauer, gutes Schuhwerk, Sonnenschutz, Kartenmaterial (es gibt gute Wegbeschreibungen in den Fuerteventura-Führern) auch Trinkwasser und Verpflegung und ca. fünf Stunden Zeit für den Aufstieg. Die Aussicht vom Gipfel über ganz Jandia soll für die Mühe belohnen. So fit und lauffreudig sind wir nun doch nicht.

Wolfgang ist neben seinem Hobby Geologie auch begeisterter Fotograf. Lieblingsmotiv: Leuchttürme. Damit ist die Ziel-Entscheidung getroffen. Wir fahren erst mal Richtung Süden nach Morro Jable. Dabei gibt es hier, an der schmalsten Stelle der Insel, genug zu sehen. Riesige, spärlich bewachsene Dünen bilden die Landenge. Eine wahre Farbsinfonie von Gelb- und Ockertönen erstreckt sich bis zum Horizont. Wir können uns nicht vorstellen, dass gerade dieser Teil der Insel vor einigen Mio. Jahren ein flacher, schmaler Meeresarm war, der durch den Treibsand, der von Jandia aus wehte, allmählich verlandete.

Heute bietet das ganze Gebiet einen grandiosen Anblick. Im harten, klaren Mittagslicht wirkt der Himmel noch blauer, die Konturen der großen Dünen zeichnen sich vor dem Himmel messerscharf ab. Ich denke: „alles blau-gold. Es sieht doch toll aus hier!“ Staunend fahren wir gemächlich auf der FV2. Noch führt die Straße geradeaus, links der Atlantik, rechts erhebt sich der Gebirgszug.

Die Farben und die Landschaftsstrukturen ändern sich; das goldene Licht findet sich jetzt nur noch tief unter uns am Strand von Esquinzo. Hier oben an der Straße wird fleißig gebaut. Verständlich, bei soviel Strand und Meer werden Hotelbetten gebraucht und die überlastete Landstraße wird durch eine neue Schnellstraße ersetzt.. Diesen Abschnitt, von der Straße aus gesehen, würden wir dann auch wieder Steinbruch-Eiland nennen. Das klingt brutal. Die Insel scheint hier aufzuschreien. Riesige Baulöcher sind in die Berghänge gebaggert worden.

Wir erreichen schließlich die größte Ferienstadt Fuerteventuras: Jandia Playa. Die Hotels ziehen sich, nur durch die Uferstraße vom Strand getrennt, ca. 2,5 km bis nach Morro Jable hinein. Eine zweite Hotelreihe zum Land hin gibt es hier kaum. Jandia ist für den Touristenstrom – in den Wintermonaten überwiegend deutsche Urlauber – bestens gerüstet. Wir entdecken mehrere Einkaufscenter und ein Ärztehaus.

Wer nicht am Strand liegt, geht bummeln. Geschäfte für jeden Geldbeutel gibt es mehr als genug. Die Kanarischen Inseln gehören zu Spanien und damit zur EU. Aufgrund der exponierten Insellage – fast 1.000 Kilometer vom spanischen Festland entfernt – bekamen die Kanaren eine „Extrawurst“ und sind zollbegünstigte Zone. Bestimmte Waren sind wegen des fehlenden oder niedrigen Zolls günstiger. Dazu gehört natürlich auch Parfüm und Kosmetik.

Und das ist mein Stichwort. „Also, Wolfgang, wir suchen uns hier einen Parkplatz, ich geh´ bummeln und einkaufen. Wolltest Du nicht den Faro de Jandia fotografieren?“ Der Leuchtturm Jandia ist ein beliebtes Motiv. Er steht hoch, schlank und weiß über den Salzwiesen der Playa. Abends allerdings bleibt er zur Landseite dunkel. Man hat den Lichtstrahl abgedeckt, er könnte die Urlauber während des Schlafes stören. Schade, ich sehe gerne das langsame Kreisen eines Leuchtturmlichtes.

Wir treffen uns zufrieden nach einer Stunde vor dem Einkaufscenter Cosmo. Sollen wir weiterfahren oder hier an der Playa baden gehen? Badezeug und Handtücher haben wir immer im Auto – man weiß ja nie, ob man seine private Traumbucht findet. Hier an der Playa de Jandia stehen die Liegestühle und Sonneschirme allerdings in Reih und Glied. Das ist nicht unser Ding. Unterhalb unserer Ferienwohnung an der Playa Barca sieht es lockerer und vor allem nicht so voll aus. Nun denn, jedem das seine.

Wilder Westen

Vom ehemals verschlafenen Fischerdorf Morro Jable kennen wir bislang nur die Zufahrt zum Supermarkt. Die Straße führt uns jetzt weiter bergauf und schlängelt sich am oberen Ortsrand wieder steil hinunter bis zum Hafen. Der Anblick des großen Hafenbeckens erstaunt uns. Das hätten wir nicht erwartet. Die große Fähre nach Gran Canaria benötigt allerdings viel Raum für ihre Manöver. Während der Hochsaison gibt es zweimal täglich Abfahrten zur ca. 80 km entfernten Nachbarinsel Gran Canaria. Außerhalb der Fährzeiten ist es — bis auf die Bautätigkeit oberhalb des Hafens — eher ruhig im Hafengebiet. Mit den Rückwänden zum Felsen entsteht eine Appartementanlage. Bunt bemalt, dicht an dicht erinnert der Anblick an die Hummerbuden auf Helgoland.

Vom Hafen aus fahren wir weiter, um unser Ziel Punta de Jandia zu erreichen. Das ist der äußerste Punkt im Südwesten der Insel. Ich bin froh, dass wir das Auto getauscht haben. Gleich hinter Morro Jable hört die asphaltierte Straße auf. Von nun an führt der Weg über eine Schotterpiste. Klar, dass man hier nicht so schnell fahren kann. Trotz der geringen Geschwindigkeit ziehen wir eine große Staubwolke hinter uns her.

Jetzt wird es richtig abenteuerlich. Nur 20 km liegt der Südwestzipfel Fuertes von Morro Jable entfernt. Uns kommt die Strecke doppelt so lang vor. Hatte ich bislang von Schotter- oder Geröll gesprochen? Diese Strecke ist eine Mondlandschaft. Auf jeden Fall nichts für schlecht gefederte Fahrzeuge oder Rückenkranke. Die Mühe lohnt sich. Wir erreichen eine skurrile Ansammlung von Baracken, die den hochtrabenden Namen Puerto de la Cruz trägt. In einem Fuerte-Führer fand ich sogar den Hinweis auf eine urige Kneipe in diesem Nest. Wir sahen aber — wahrscheinlich auf Grund der Tageszeit — weder eine Terrasse mit Bewirtung noch überhaupt Menschen.

Dunkle Wolken zogen von Nordwesten heran. Alles in allem: eine düstere Stimmung in diesem Ort. Also weiter bis zum Leuchtturm. Der steht hoch auf einer Klippe. Die kurze Westküste hebt sich hier zerklüftet und schwarz über den Atlantik. Solche Wellen hatten wir noch nicht gesehen: Im Rhythmus rauschen sie weißköpfig heran, überschlagen sich und donnern gegen die Felsen. Was für ein Schauspiel!
Darüber der Himmel mit fliegenden, dunklen Wolken. Wir fühlen uns ungemütlich und es ist kalt. Ja, kalt. Gut, dass wir die Windjacken dabei haben. „Lass uns doch bitte zurückfahren“, bitte ich Wolfgang. „Ich fühle mich hier draußen vom Wetter bedroht.“ „Nein, wir fahren noch das kurze Stück zur Nordecke,“ schlägt er vor.

OK. Wenn wir schon mal hier sind. Parkplatzsorgen hat man an diesem einsamen Flecken nicht. Den Nissan stellen wir auf ein Plateau und genießen vom Wagen die Aussicht und den kochenden Atlantik unter uns. Schnell ist die Windschutzscheibe schmierig und nass. Die Gischt weht bis hier hinauf. Ich denke an die Sonnenanbeter an der goldenen Playa nur 20 km weiter im Osten von uns. Danach wäre mir jetzt auch. Sonnenwärme, Licht und ein zahmer Atlantik.

Sand & Glas

Wir fahren zurück und gehen direkt unter unserer Ferienwohnung am „Hausstrand“ baden. Wie praktisch, wir brauchen nur den Pfad entlang des Hügels hinuntersteigen, am Surf Center von Rene Egli vorbei und schon sind wir da. Alles ist hell, warm und blau! Wir liegen am Strand und freuen uns unseres Lebens.

Am meisten Spaß macht mir die Vorstellung, dass über Deutschland gerade ein Schneeregen-Tief hinweg zieht. Wohlig greife ich in den warmen, feinen Sand. Ich glaube nicht an das Märchen seiner Herkunft aus der Sahara. Zugegeben, die Ostinseln Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria liegen am dichtesten vor der afrikanischen Küste. Nur knapp 100 km trennen Fuerteventura von Kap Juby in Marokko. Angestrengt starre ich nach Osten. Kann ich den großen Kontinent sehen? Nein, ich sehe Himmel, Meer und Sand. Und dieser Sand wird nicht mit dem Wind aus der Sahara hergeweht. Wenn das so wäre, wäre die Luft nicht so klar und hier wäre wohl kaum eine Urlauberhochburg. Das gilt auch für die anderen Inseln, insbesondere Gran Canaria. Wann sollte denn der Wind den Saharasand hergeweht haben? Und warum hat dann Lanzarote im Verhältnis zu Fuerteventura und Gran Canaria so wenig Strand und Dünen abgekommen?

Jetzt wird es fast wissenschaftlich: Die Sandflächen vor und um die Inseln waren da, so wie überall auf der Erde, wo es Strände, Dünen und Wüsten gibt. Während der langen Entstehungsphase des Archipels vor 20 Mio. Jahren waren neben dem Vulkanismus auch andere Kräfte mit im Spiel. Durch Absenkung des Meeresspiegels und des weitflächigen Inselschelfs wurden die fossilen, schon vorhandenen Sände freigelegt. Und damit waren die Strände geboren. Der Wind tat dann das übrige. Ein weiterer Beweis ist die Zusammensetzung des Sandes auf Fuerteventura und den anderen beiden Ostinseln, der überwiegend aus Carbonat besteht. Der Saharasand ist quarzhaltiger und weitaus dunkler als der fast weiße Fuerte-Sand. Wer jemals auf Teneriffa an der Playa Teresitas vor Santa Cruz war, weiß, wovon ich spreche. Die Playa Teresitas besteht aus Sand, der aus der Sahara importiert wurde. Und der ist dunkelgelb und grobkörnig.

„Wir sind zum Baden an den Strand gekommen! Los, Wolfgang, jetzt aber hinein.“ Der Wind hat in der Mittagszeit noch ein bisschen zugelegt, der Atlantik reagiert darauf mit einer schönen, fast heftigen Brandung. Nachdem wir die Brandungszone durchschritten und etwas durchlitten hatten, — die Wassertemperatur beträgt im Dezember nicht mehr als 19 Grad —, lassen wir uns tragen. Ja, tragen.
Der Atlantik hat einen höheren Salzgehalt als die Nord- und Ostsee. Und Salzwasser trägt gut. So liegen wir fast mühelos auf dem Rücken in der Dünung und genießen das blaue Licht. Ich fühle mich sanft geschaukelt und denke beim Anblick des kristallklaren, türkisfarbenen Wassers, auf dem ich schwebe, an flüssiges Glas. Hier bleibe ich.

Der Nase nach

Über Fuerteventura zu schreiben, ohne den Passatwind zu erwähnen, wäre wie ohne Wasser zu schwimmen. Der Name Fuerteventura leitet sich – und hier scheiden sich die Geister – entweder von „starker Wind“ (Fuerte = stark — Ventus = lat. Wind) ab oder von Que fuerte ventura! (Was für ein starkes Abenteuer!) Das war der Ausruf des normannischen Eroberers Béthencourt, der Ende 1404 von Lanzarote aus die Insel einnehmen wollte. Beide Namen sind treffend.

Auf jeden Fall hat der Nordostpassat seinen Ursprung in der erwärmten Luft über dem Äquator und dem kühlen atlantischen Kanarenstrom: Kurz: es bildet sich ein stabiles Hochdruckgebiet und dieses dreht bekanntlich auf der Nordhalbkugel im Urzeigersinn. Der Wind kommt also aus Nordost, kräftig und beständig zur Freude der Surfer. Der Passat bringt auch Feuchtigkeit mit, die sich – wenn die Berge auf Fuerte hoch genug wären – an den Bergen aufstauen und dann abregnen würde. Auch Lanzarote, und der Süden Gran Canarias sind zu flach, um die Passatwolken zu halten und zu „melken“. Daraus kann man fast eine Faustregel für Sonnengarantie auf den Kanaren ableiten: Wind und Wolken an den Nordküsten, Sonne und Wärme in den südlichen Bereichen der Inseln.

Es wird langsam Zeit, sich mal wieder um die Versorgung zu kümmern. Morgen ist der 24. Dezember! Natürlich haben in den Urlaubsgebieten die Geschäfte auch an Feiertagen — teilweise sogar bis 22.00 Uhr — geöffnet. In Spanien wird Weihnachten erst am 25. Dezember gefeiert. Wir haben gar kein Weihnachtsgefühl. Wie soll denn bei Badewetter Weihnachtsstimmung aufkommen? Eigentlich sind wir ja auch hier, um dem Trubel in Deutschland zu entgehen.

Etwas rummelig ist es allerdings auch in den Supermärkten. Die spanischen Hausfrauen kaufen für die Feiertage ein. Das Personal im Supermarkt trägt rote Nikolausmützen. Aus den Lautsprechern schallen uns Weihnachtslieder entgegen. Ein komisches Gefühl, dies alles in Strandlatschen und T-Shirt zu erleben! Es riecht auch nicht nach Tannen, Zimt, frisch Gebackenen oder gar nach Glühwein. Darüber freue ich mich. Habe ich doch festgestellt, dass Fuerteventura einen ganz eigenen, inseltypischen Geruch hat. Wenn ich bei späteren Reisen aus dem Flughafengebäude komme, atme ich zuerst tief ein und halte die Luft so lange wie möglich. Es ist absurd, aber ich fühle mich heimisch und denke – fast pathetisch: „zu Hause“.

Liebe geht durch den Magen und durch die Nase. Anderenfalls würde es ja nicht heißen: jemanden oder etwas nicht riechen können. Ich habe lange geschnuppert und überlegt, was denn nun für mich so wunderbar riecht auf Fuerteventura. Ein lieber Freund und ebenfalls Kanaren-Liebhaber behauptet, es wäre der Atlantik mit seiner Salzluft, der für den Duft verantwortlich ist. Das könnte stimmen. Der Geruch ist für mich jedenfalls da und passt wunderbar zur bizarren Landschaft Fuerteventuras.

Am 24. Dezember werde ich relativ früh wach. Wolfgang schläft noch. Ich stehe auf und setze mich auf die Terrasse. Es ist ganz still, der Strand ist menschenleer. Die Sonnenanbeter und Surfer schlafen wohl auch noch. Sanft atmet der Atlantik, die Wellen rollen langsam, flach und müde heran. Vor die aufgehende Sonne schiebt sich eine graue Wolkenbank, die mit ihrem unteren, dunklen Bereich bis in den Atlantik zu reichen scheint. Das ist ein toller Kontrast zu den oberen gelb-orangen Wolkenrändern.

Die Dünenberge um die Ferienwohnung sind in feuerfarbenes Licht getaucht. Ich sitze, schaue und genieße und habe mein Aha-Erlebnis, was Fuerteventura angeht: Man muss zweimal hinsehen, um den Reiz der bizarren Landschaft zu entdecken. Diese spröde schöne Insel offenbart sich nicht dem oberflächlichen Betrachter. Aber wenn sie einen eingefangen hat mit ihrer scheinbar schroffen Art, dann ist das für eine gewisse Dauer und dann spricht man liebevoll von ihr und nennt sie nur kurz FUERTE. Eines wusste ich jetzt schon, ich gehöre zu den Leuten, die wiederkommen nach Fuerte. Versprochen.

Der Norden

Schließlich haben wir in der vergangenen Woche erst einen Bruchteil der Insel gesehen und entdeckt. Heute wollen wir eine große Tour unternehmen Richtung Norden nach El Cotillo. Natürlich steht an dieser exponierten Nordwestecke ein Leuchtturm. Aber es gibt mehr zu sehen. Schon allein die Anfahrt quer über die Insel ist lohnenswert und eigentlich reicht ein Tag dafür nicht aus.

Wir beschränken uns auf die Küstenregionen. Und dieses Stück Küste zwischen El Cotillo und Faro de Tostón nimm unsere ganzen Sinne in Anspruch. Zunächst sind wir mal wieder geschockt über den irgendwie heruntergekommenen Eindruck, den der ehemalige Fischer- und Festungsort El Cotillo macht. Aber es geht aufwärts. Im Norden des Ortes entstehen zögerlich Appartementanlagen und kleine Hotels.

Warum auch nicht? Zahlreiche Lagunen mit fast schneeweißem, allerfeinstem Sand sind ein prächtiger Anblick und laden zum Baden und Verweilen ein. Bei Niedrigwasser wärmt sich das Wasser in den flachen Lagunen schnell auf. Es ist ruhig und warm hier, der ruppige Atlantik bleibt draußen vor dem Lagunenriff aus Lavagestein. Wir sind begeistert von der Farb- und Formenvielfalt und den starken Kontrasten zwischen den weichen, hellen, fließenden Lagunenformen und den harten, schwarzen Lavariffen.

Unvorstellbar und unverzeihlich an diesem Traumort: Wir streiten! Jeder von uns hat eine besonders schöne Badebucht gefunden und möchte gerade in dieser bleiben und baden. Eine Entscheidung ist nicht in Sicht. Wohl aber ein Campingbus mit gleichgesinnten Naturliebhabern. Sie nehmen uns die Wahl ab und es bleibt die von Wolfgang favorisierte Bucht. Sind wir denn größenwahnsinnig, zu glauben, dieses Naturschauspiel ist nur für uns alleine da? Und die Zeit können wir auch nicht anhalten. Bis zu unserer Wohnung sind es noch einige Kilometer zu fahren, und wenn wir uns Corralejo mit den Dünenfeldern, die El Jable genannt werden und unter Naturschutz stehen, ansehen wollen, müssen wir jetzt los.

Von Süden kommend empfängt uns dieser lebhafte Urlaubsort mit dem Anblick von mehreren hohen Baukränen. Wir haben uns schon fast an den Anblick von Baulandschaften auf Fuerteventura gewöhnt. Es scheint zur Insel zu gehören. Das ehemalige Fischer- und Schmugglernest Corralejo ist in den letzten 30 Jahren zu einem beliebten, quirligen Urlaubsort gewachsen. Für Unterhaltung und Abwechslung ist in dem zweitgrößten Feriengebiet von Fuerte bestens gesorgt. Wir steuern erst mal den Hafen an. Von hier fährt die Fähre nach Lanzarote und das Ausflugsschiff nach Lobos. Die kleine Insel liegt nur knapp 2 km getrennt durch den schmalen, relativ flachen Meeresarm El Río (Der Fluss) im Norden Fuertes.

Das ganze Gebiet einschließlich Meerenge steht unter Naturschutz. Auf Lobos kann nur gewandert werden, Autos sind verboten. Die Versorgungsmöglichkeiten sind von einfacher Qualität. Wer auf der Insel einkehren möchte, meldet das bei Ankunft am Hafen an. Wir sind unschlüssig, ob wir doch noch einen Tag für Lobos einplanen. Schließlich entscheiden wir uns dagegen.

Die Liste des Ungesehenen auf Fuerteventura ist einfach noch zu lang und 14 Tage Urlaub reichen für die Entdeckung dieser Insel einfach nicht aus. Es gibt auf Fuerteventura keine vordergründigen Sensationen, spektakuläre Sehenswürdigkeiten oder Naturschauspiele, wie z.B. der Timanfaya Park auf Lanzarote. Trotzdem sind wir immer wieder hingerissen von den vielfältigen Eindrücken und Anblicken, die diese karge Insel mit ihrem wüstenhaften Charakter vermittelt.

Inzwischen haben wir Corralejo verlassen. Wir haben es gesehen, für uns gab es nichts, was uns zum Bleiben hätte veranlassen können. Also weiter auf die FV2 Richtung Süden. Zu unserer linken Seite beginnen die weiten Strände. Inmitten dieser weiß-gelben Wüstenlandschaft thronen zwei große Hotelanlagen. Fast isoliert vom quirligen Treiben in Corralejo sind die beiden großen Gebäude nur von Sand und Dünen umgeben. An den weitläufigen, flachen Stränden ist ebensoviel Trubel wie in Jandía. Mit dem immer passenden Wind dazu ist das ein Paradies für Wassersport jeglicher Art.

Paviane und Ziegen

So eine Inseltour macht müde. Morgen möchte ich nicht fahren. Wolfgang stimmt mir zu. Wir wollen einen absolut faulen Nur-Badetag einlegen. Mal sehen, wie lange wir das aushalten und ob das Wetter mitspielt. Von Bekannten, die zur gleichen Zeit ihren Urlaub auf Gran Canaria verbringen, hatten wir gehört, es wäre wenig sonnig und es hätte schon so einiges geregnet auf Gran Canaria.

Da können wir uns freuen, wir haben auch am nächsten Tag allerfeinstes Strandwetter. Das gilt es zu nutzen. Nur an welchem Strandabschnitt? Zunächst gehen wir unseren Dünenberg hinunter. Bei Hochwasser ist der breite Strand teilweise knietief mit Wasser bedeckt. Eine Nehrung vor der Brandungszone macht es möglich, auf dieser langen Sandzunge mehrere Kilometer zu wandern.

Es ist einfach traumhaft, schöner kann es in der Karibik auch nicht sein. Im Süden flimmert der Horizont. Wie weit wollen wir noch gehen? Schließlich haben wir keinen Rücktransfer, sondern müssen die jetzt mit soviel Gehfreude und Rückenwind zurückgelegte Strecke wieder zurücklaufen. An besonders schönen und bezaubernden Stellen machen wir Pause, gehen Baden und beobachten einen wahren Treck von Gleichgesinnten, die zum Teil schon mehrere Stunden unterwegs sind. Diese Strandläufer kommen von der Playa Jandia, sie sind bis auf einen Sonnenhut und Rucksack auf dem Rücken nackt. Ich amüsiere mich. Nicht wegen der Nacktheit, das bin ich ja selber. Ein völlig nackter Mensch nur mit einem Rucksack bekleidet ist einfach ein kurioser Anblick.

Fuerte ist bekannt für seine Freizügigkeit an den Stränden, was FKK angeht. Für mich ist das Baden ohne Badezeug das Vergnügen pur. Und praktisch ist es obendrein. Bei dem nicht zu unterschätzenden Wind sollte man das nasse Badezeug nicht anbehalten. Als Badenackedei spart man sich den lästigen Bikiniwechsel. Da liege ich nun im Eva-Kostüm und kann genau sehen, wer schon länger auf der Insel ist. Das sind die, die nahtlos braun sind. Die anderen haben noch reichlich weißes Fleisch zum Bräunen oder Röten. Wenn dann das Hinterteil mit einem Sonnenbrand verziert ist, ist der Gedanke an einen Pavian nicht fern.

Natürlich sorgen alle für ausreichenden Sonnenschutz. Das wird ja – genauso wie die Sache mit dem Wasser aus der Leitung – überall publiziert. Die Sonneneinstrahlung, selbst bei bedecktem Himmel ist aufgrund der Äquatornähe stark und für unsere blasse, norddeutsche Haut einfach zu heftig. Weitere verstärkende Faktoren sind der etwas kühlende Wind und das Salz, das vom Baden auf der Haut zurückbleibt. Es ist unerlässlich, sich abends den Sand und das Salz abzuduschen. Und das auf einer Insel, die praktisch keine Süßwasserreserven hat. Ich mag gar nicht daran denken.

Dass es mit der Landwirtschaft aufgrund des Wassermangels auf Fuerteventura nicht so gut bestellt ist, liegt auf der Hand. Die Anlage von großen Tomatenplantagen, die mit Klärwasser berieselt werden, ist wegen der großen Konkurrenz der Nachbarinseln nicht sehr ertragreich.

Das einzige Nutztier, das mit der spärlichen Vegetation zufrieden ist, und zudem auch noch das wenig Vorhandene mehr als kurz hält, sind Ziegen, Cabras auf spanisch. Und das Wahrzeichen Fuerteventuras. Als Schriftzug „FUERTE“ stilisiert sind sie als Aufkleber, Schlüsselanhänger oder Schmuckstücke in den Souvenirläden zu kaufen. Eine Ziegeninsel also. Selbst die Hauptstadt Puerto de la Rosario trug bis zum Ende des 18. Jahrhunderts den Namen Puerto Cabras (Ziegenhafen) Der Grund dafür lag in einem Bach, der in der Nähe des noch nicht vorhandenen Hafens in die damalige Ankerbucht floss. Dieser Bach diente als Ziegentränke.

Heute gibt es mindestens soviel Ziegen wie Einwohner (ca. 70.000) auf der Insel. Es ist nicht leicht, die kleinen Tiere in freier Wildbahn zu entdecken, sie sind gut getarnt und verschmelzen aufgrund ihrer dunklen Erdfarben mit der Landschaft. Das sind die „freien Ziegen“, sie dienen nur der Fleischproduktion. Daneben gibt es einen Bestand von Gehege-Ziegen, die gefüttert werden müssen. Als Gegenleistung liefern sie eine Menge Milch. Und die Milch macht´s! Die Käseherstellung ist neben dem Tourismus ein wichtiges Standbein der Inselwirtschaft. Aus der Produktion der Inselkäsereien werden nicht nur die Nachbarinseln, sondern auch Delikatessen- und Spezialitätengeschäfte in Deutschland beliefert. Selbstverständlich haben wir uns auch mit diesem Inselprodukt versorgt und festgestellt, der „Queso Majorero“ passt zu jeder Mahlzeit mit seinem herben, würzig-salzigen Geschmack.

Hoch hinaus

Bislang ist es uns noch nicht langweilig geworden. Auch wenn wir hier ziemlich faul am Strand liegen. Morgen werden wir wieder unterwegs sein. Mittlerweile kennen wir bestimmte Strecken und Abschnitte zwischen Costa Calma und Morro Jable sehr gut. Dazu gehört auch – fast ein Geheimtipp – der Strand vor den Casas Risco del Paso. Auch hier wieder das gleiche Bild: Der Strand streckt sich. soweit das Auge reicht. endlos in Nord-Süd-Richtung. Oberhalb des Strandes, in den Dünen, befindet sich eine kleine Bungalowanlage, die in keinem Urlaubskatalog angeboten wird. Wer hier wohnt, braucht auf jeden Fall ein Auto und ist auf sich selbst gestellt. Ein sonniges, aber einsames Fleckchen.

Wir fahren weiter mit dem Ziel Cofete. Die einzige Zufahrt zu diesem exponierten Ort führt ein Stück über die Schotterpiste südlich von Morro Jable, dann rechts ab über den Gebirgszug von Jandía. Zunächst ist die Streckenführung einigermaßen moderat. An die Wegequalität und das braun-graue Flair der Berge haben wir uns längst gewöhnt. Der Begriff unwirtlich wäre noch geschmeichelt. So rumpeln wir um den letzten Berg herum und sind auf der Nordflanke des Jandia-Massivs. Bei einer kleinen Parkbucht halten wir.

Die Aussicht ist wie aus dem Flugzeug, unter uns schweben dünne Wattewolken. Dazwischen erkennen wir die Küstenlinie von Jandia. Grandios! Allerdings sind wir nur kurze Zeit mächtig beeindruckt. Wir fahren jetzt schon einige Kilometer abwärts auf einer nur einspurigen Strecke, die keine Begrenzungen oder Absicherungen zu den tiefen Schluchten hat. Vorsichtig spähe ich über Wolfgangs Schulter in den Abgrund. Ja, da liegt ein PKW. Einfach den Berg runtergekullert. Was passiert eigentlich, wenn uns hier an dieser schmalen, steilen Stelle ein Wagen entgegenkommt? Die Angst macht mich ganz still. Wolfgang ist ebenso schweigsam und fährt konzentriert. Wir haben Glück: es kommt wieder eine Parkbucht und ein entgegenkommendes Fahrzeug. Die Gesichter der Insassen zeigen deutliche Stress-Spuren. Und das schlimmste kommt erst noch.

Cofete selbst sieht aus wie ein verlassenes Goldgräberdorf. Verrottet und einsam. Typisch für die Nordseite der Insel sind wieder die dicken, dunklen Wolkenbänke. Selbst bei Sonnenschein würde Cofete nicht attraktiver wirken. Aber der Strand soll doch so toll sein, haben wir gelesen. Und den sehen wir uns jetzt an. Die Strandfläche ist makellos glatt und ohne Fußspuren. Mit einer leichten Wölbung neigt sie sich dem tosenden Atlantik entgegen. Hier kann und darf man nicht baden! Das wäre lebensgefährlich bei der tosenden Brandung und den hier herrschenden starken Unterströmungen.

Für heute ist mein Abenteuerbedarf gedeckt. Bleibt nur noch die Rückfahrt über den Pass. Wir prüfen auf der Inselkarte, ob es einen anderen Weg in den heimeligen Süden der Insel gibt. Da wir keine Eintragungen auf der Karte finden, müssen wir die bereits bekannte Piste entlang und über das Jandia-Massiv fahren. Wir haben tief aufgeatmet, als wir wieder auf der befestigten und ebenen FV2 waren.
Gott sei Dank!

Verdorben für alle anderen Inseln

Es dauert ein paar Tage, bis wir uns wieder auf die Piste trauen. Die vergangenen Tage haben wir nur gebadet, geschlafen, gebadet, gut gegessen, gebadet, geschlafen..... was man auf einer Traumstrand-insel wie Fuerteventura am besten tun kann. Wir waren zum Bummeln in Jandia und Costa Calma und haben uns die schwarzen Lavastrände von Tarajalejo und Gran Tarajal angesehen.

Während wir über die einsame Promenade von Gran Tarajal bummeln, schlägt Wolfgang vor: „Von hier ist es nicht weit bis zum östlichen Punkt der Insel und dem Faro Entallada. Lass uns doch eben hinfahren.“ Ich bin unschlüssig. Auf eine weitere Bergtour „á la Cofete“ habe ich keine Lust. Wolfgang beruhigt mich: „Es ist nicht weit und wir fahren über asphaltierte Straßen“.

Woher er das wissen will, ist mir nicht klar. Ich gebe nach und wir fahren Richtung Las Playitas. Und dieses pittoreske Fischerdorf mit Promenade sieht aus wie aus einem Urlauberprospekt. Weiße, kastenförmige Häuser gruppieren sich terrassenartig um die kleine Bucht. Dazwischen, in den schmalen, urigen Gassen wachsen Palmen und Blumen.

Für Las Playitas ist es nur von Vorteil, dass es dort keinen vollkommenen Badestrand gibt. Ansonsten wäre der Massentourismus schon längst im Ort und der kanarische Charme des Dorfes würde erheblich darunter leiden.

Eigentlich sind wir nur in Las Playitas gelandet, weil wir die Abzweigung zur Punta Etallada verpasst haben. Jetzt sind wir aber auf dem richtigen Weg zum Punkt, der Afrika am nächsten liegt. Die Straße ist nur etwas breiter als einspurig, asphaltiert und mit Steinbaken zu den Abgründen gesichert. An den steilen Hängen links und rechts der Straße grasen Ziegen. Wir fahren langsam, genießen die bezaubernden Aussichten und gewinnen immer mehr Höhe.

Nach einer Kurve steht plötzlich eine kleine Ziegenherde mitten auf der Straße. Unser Hupen wird ignoriert. Langsam rollen wir auf die Herde zu, die sich jetzt teilt. Rechts von uns steigt der Berg steil an, linkerhand ist der steile Abgrund. Die Ziegen haben keine Ausweichmöglichkeit, und unser Überholmanöver misslingt. Wir teilen die Herde mit dem Ergebnis, dass die weiblichen Tiere vor dem Wagen laufen. Hinter uns rennt der aufgeregt meckernde Ziegenbock. Schade, dass wir dieses kuriose Bild nicht aus der Entfernung sehen können. Wir lachen.

Das geht dann einige 100 m so, bis zur nächsten Parkbucht. Die Herde ist wieder vereint und wir setzen sehr erheitert den Weg fort. Und dann sehen wir den Faro Entallada. Ein eindrucksvolles Bauwerk ohne klassische Leuchtturmfigur. Die Anlage besteht aus drei symmetrisch angelegten Gebäuden, das mittlere ist etwas höher und schmaler mit der Lichtkuppel. Die eigenwillige Architektur wird durch die mit Lavastein verkleideten Außenmauern, deren Fugen kalkweiß gestrichen sind, verstärkt. In vielen Reiseführern über Fuerteventura ist dieser Anblick abgebildet. Auch Wolfgang macht Fotos. Am liebsten würde er einen Hubschrauber chartern und noch von oben knipsen! Ich stehe währenddessen an der äußeren Mauer des Areals und blicke auf den endlosen, blau leuchtenden Atlantik. Dabei nehme ich Abschied von dieser faszinierenden Insel mit ihrem herben Charme, die mich mit ihrer Schönheit für alle anderen Inseln verdorben hat.

Morgen ist unser Rückflugtag. Und das bedeutet, wir müssen heute die Koffer packen. Wo lassen wir die Plastikbeutel mit den Sandproben der verschiedenen Strände? Die gesammelten Muscheln wiegen nicht viel. Gewicht bringen die runden, schwarz-blauen Lavasteine und die gelbweißen, vielschichtigen Kalkgesteine.
Das von Wolfgang gesammelte Sortiment an versteinerten Bienennestern wird in die Schuhe gesteckt. Diese fossilen Nester sind aus hellgelbem, porösem Material, etwas kleiner als ein Hühnerei, innen hohl und damit sehr zerbrechlich und für einen Geologen wertvoll.

Wir sind wieder überpünktlich am Flughafen. Das Auto haben wir abgeliefert, die Koffer sind aufgegeben. Nun sitzen wir auf der Außenterrasse des Aeropuertos Rosario. Von hier blicken wir über die Lande- und Startbahn auf den Atlantik. Heute ist Silvester! Laut Flugplan sollten wir um 21.00 Uhr in Bremen landen. Da ist noch genügend Zeit, nach der Ankunft mit Freunden den Jahreswechsel zu feiern. So denken wir.

Dass alle Flüge von Deutschland und damit auch unser Rückflug aufgrund des starken Schneefalls in Deutschland verspätet landen, erfahren wir erst jetzt. Eine Stunde Verspätung! Wie schrecklich. Jetzt müssen wir noch länger hier warten und die ankommenden Urlauber beneiden. Wir sind genervt. Wenn es denn nun endlich losgehen würde...! Unsere Maschine ist gerade erst gelandet. Bis sie wieder abflugbereit ist, vergeht auch noch mal ein Stunde. Hoffentlich landen wir noch vor dem Jahreswechsel
in Bremen!

Wir tun es. Nach 6 Stunden Flug — wir haben wegen des Schneefalls in Norddeutschland nicht sofort landen können und mehrere Platzrunden gedreht — landen wir auf der endlich freigeräumten Landebahn in Bremen. Es ist inzwischen nach 23.00 Uhr. Trotz des Schneefalls können wir schon einige voreilige Silvesterraketen am Himmel erkennen. Wir sind müde, es ist kalt und dunkel und wir haben Sehnsucht nach Fuerteventura. Nur das schlitterige, langsame Fahren durch die tiefen Schneefurchen auf der Straße erinnert an unsere Inseltouren. Pünktlich um Mitternacht zum Neuen Jahr sind wir wieder zu Hause. Que Fuerte Ventura!
 

Fotogalerie (27 Bilder) zum Urlaubstagebuch von Anne Berg
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