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Urlaubsplanung und -vorbereitung
„Wohin fahren wir dieses
Jahr über Weihnachten — ?“
„Nicht wieder nach Dänemark. Ich will in die Sonne.“
„Aber keine Konservenreise aus dem Katalog. Wir suchen uns selbst
was.“
„Wo suchen wir uns was?“
„Da wo die Sonne erschwinglich ist.“
„Bezahlbare Sonne im Dezember gibt´s in Europa nur auf den
Kanaren.“
„OK. Und welche der 7 Inseln soll es sein?“
Nach umfangreicher Prüfung diverser
Kanaren-Literatur gab schließlich ein doppelseitiges Foto der Playa
Sotavento im HB-Atlas den Ausschlag. Viel Himmel, viel Meer und noch
viel mehr Sonne und Strand: Fuerteventura.
Das Ziel und der Termin standen also fest. Fehlten nur noch der Flug
und die Unterkunft. Die Suche nach einem Appartement oder einer
Ferienwohnung auf der Halbinsel Jandia im Süden Fuerteventuras
zwischen Costa Calma und Morro Jable war aufwendig und schwierig.
Wir bekamen viele Absagen mit dem Hinweis „einen individuellen
Kanarenurlaub über Weihnachten bucht man nicht drei Monate, sondern
mindestens 6 Monate vorher. Aha!
Aber so schnell gaben wir nicht auf. Es kann doch
nicht alles ausgebucht sein. War es auch nicht: Wir mieteten eine
Fünf-Sterne-Ferienwohnung mit Meerblick am südlichen Ende der Costa
Calma. Nun nur noch die Flüge fest buchen. Anfang September gab es
noch genügend freie Plätze ab Bremen. Allerdings noch nicht
reduziert. Sollten wir mit der Flugbuchung bis Anfang Dezember auf
Lastminute-Angebote warten? Nein. Das Risiko ist zu groß.
Schließlich ist die Ferienwohnung verbindlich gebucht. Also zweimal
hin und zurück mit Hapag Lloyd: Bremen-Fuerteventura.
Und wer vermietet uns ein Auto auf Fuerte? Auch
das fanden wir heraus und bekamen ein gutes Angebot (Autos Soto) für
einen Kleinwagen, den wir direkt am Flughafen übernehmen konnten.
Jetzt war es also amtlich. Weihnachten 2002 würden
wir nicht im kalten Deutschland verbringen. Zunächst ist es erst
Mitte September und das Wetter spätsommerlich warm. Wir zählten die
Wochen bis zum Abflugtermin und verbrachten die Zeit mit der
Informationsrecherche über unser Urlaubsziel.
Die Kanaren: 7 Vulkaninseln aus dem Atlantik vor
der marokkanischen Küste vor ca. 20 Mio. Jahren geboren. Nicht alle
gleichzeitig. Fuerteventura ist die älteste und zweitgrößte Insel.
Das Nesthäkchen El Hierro im Westen des kanarischen Archipels ist
erdgeschichtlich die jüngste und geografisch die kleinste Insel. Die
Inselgruppe ist verwaltungsmäßig in die Westkanaren (Teneriffa, La
Gomera, La Palma und El Hierro) und die Ostkanaren (Lanzarote,
Fuerteventura und Gran Canaria) aufgeteilt.
Fast nicht zu glauben, aber Fuerteventura hat als
größte Insel der Ostkanaren die wenigsten Einwohner. Es sind nur ca.
60.000 Menschen, von denen der Hauptteil in der Hauptstadt Puerto
del Rosario und dem zugehörigen Verwaltungsbezirk lebt. Zum
Vergleich: Gran Canaria ist nur unwesentlich kleiner als
Fuerteventura zählt aber immerhin gut 700.000 Einwohner. Die
Haupteinnahmequelle des Archipels ist der Tourismus, der den Inseln
seit den 60er Jahren einen immensen wirtschaftlichen Aufschwung
beschert.
Die Reiselust der Deutschen ist, trotz schlechter wirtschaftlicher
Lage im eigenen Land, ungebrochen. Im Jahr 2003 starteten mehr als
37 Mio. Reisende von deutschen Flughäfen ins europäische Ausland.
Den Löwenanteil daran hat Spanien. In der Beliebtheitsskala der
Kanaren rangiert Fuerteventura mit ihren Traumstränden eher im
Mittelfeld. Es wird von ca. 1,3 Mio. Urlaubern pro Jahr gesprochen.
Die Hälfte davon sind Deutsche, wobei in den Sommermonaten viele
Festlandspanier und Briten ihren Urlaub auf der Insel verbringen.
Abgehoben
Die Zeit bis zum Abflugtermin, eine Woche vor
Weihnachten, verging schnell. Die Koffer wurden gepackt; natürlich
nur mit Sommerkleidung. Die musste erst mal wieder herausgesucht und
gebügelt werden. Mit Freude. Wir kauften Sonnenmilch, besorgten
kleine leichte und vor allem transportierbare Weihnachtsgeschenke
für uns und waren am Vorabend des Abfluges am Flughafen, um den „Vorabend-check-in“
zu nutzen. Diesen Service bieten Fluggesellschaften für Abflüge am
frühren Morgen des Folgetages. Wir brauchten also am Abflugtag nicht
ganz so früh am Flughafen sein.
Wir sind keine „Vielflieger“. Und in die „Sonne“ sind wir bislang
auch nur einmal geflogen. Das war vor einigen Jahren, da hatten wir
auf Teneriffa über die Weihnachtstage ein Ferienhaus gemietet. Diese
Reise war bis auf den Flug und die vielgesichtige, sehr schöne und
grüne Insel Teneriffa, in nicht besonders guter Erinnerung bei uns.
Eine wahnwitzige Frau vergällte uns mit ihren Verfolgungsattacken
den Urlaub.
An diesem Vorabend vor dem Flug waren wir doch
etwas aufgeregt. Rein rechnerisch hätten wir für
eine Abflugzeit um 6.00 Uhr spätestens um 5.00 Uhr am Flughafen sein
müssen. Bei einer Fahrzeit von ca. 20 Minuten von der Wohnung bis
zum Flughafen müssten wir um ca. 4.30 Uhr von zu Hause weg.
Es war Mitte Dezember, die Temperatur lag um Null Grad. Was ist,
wenn wir Schneeregen und Glatteis bekommen oder wir verschlafen?
Große Diskussion und Ehekrise. Wolfgang sagt gegen 21.00 Uhr: „Warum
fährst Du nicht jetzt schon zum Flughafen und schläfst da?“ Ich bin
beleidigt und ziehe mich zurück. Allerdings nicht, ohne den Wecker
auf 2.30 Uhr zu stellen.
Um 2.15 Uhr stehe ich auf und treffe im Bad den
Ehemann, der auch ein wenig Reisefieber hat. Natürlich waren wir
überpünktlich am Flughafen und die blaue Hapag-Lloyd-Maschine (nur
zu ca. 70 % belegt) startete pünktlich. Ich fliege aus drei Gründen
gerne mit HF:
• Diese Fluggesellschaft hat mit die jüngste Flotte und es
ist bekannt, das bei der Wartung und beim Personal nicht gespart
wird.
• Ich bin im Besitz der TUI-Card und kann deshalb bei über
TUI gebuchten Flügen gratis die Sitzplatzreservierung vornehmen und
habe ebenfalls kostenlos die Reiserücktrittsversicherung mit dabei.
• Ich liebe die Farbe blau. Die Hapag-Maschinen sind innen
wir außen wunderbar blau gestaltet.
Ich bin glücklich und zufrieden. Was gibt es schöneres als vom
Flugzeug aus die Sonne aufgehen zu sehen? Wir hatten Urlaub und
flüchteten aus dem dunklen, kalten, nassen und hektischen
Vorweihnachts-Deutschland.
Auf dem Bordmonitor wurde die aktuelle
Flugposition angezeigt. Aha, schon fast über der Biskaya. Zeit für´s
Frühstück. Auch das finde ich sensationell: über den Wolken zu
frühstücken. Meine Uhr hatte ich schon um eine Stunde
zurückgestellt. Der Zeitunterschied auf den Kanaren beträgt Minus 1
Stunde, da die Inselgruppe zur westeuropäischen Zeitzone gehört. Die
reine Flugzeit beläuft sich auf ca. 4,5 Stunden von Bremen nach
Fuerteventura. Ankunftszeit in Puerto del Rosario auf Fuerteventura
also um 9.30 Uhr.
Wir haben zwar in der letzten Nacht wenig
geschlafen, dafür bekommen wir auf unserer Urlaubsinsel aufgrund des
frühen Abfluges fast einen ganzen Urlaubstag geschenkt. Wir würden
aus diesem Grund immer Nacht- oder Frühflüge wählen. Bei einer
Abflugzeit nachmittags oder abends in Deutschland kommt man im
dunklen auf den Kanaren an. Durch die Äquatornähe ist die
Dämmerungszeit kurz. Sonnenuntergang im Dezember ca. 19.00 Uhr, im
Hochsommer spätestens 22.00 Uhr.
Die Flugzeit ist kurzweilig. Das Bordpersonal ist immer bemüht und
sehr freundlich. Das stelle ich mir sehr anstrengend vor: permanent
zu lächeln und immer ansprechbar zu sein. Auf jeden Fall vergeht die
Zeit wirklich wie im Flug. Nun sind wir schon in der Anflugphase.
Wir sitzen auf der rechten Seite der Maschine und können unter uns
Lanzarote sehen. Dunkel und mächtig wirkt die viertkleinste
Kanareninsel, die nur durch eine ca. 10 km schmale Meerenge von
Fuerteventura getrennt ist und gemeinsam mit Fuerteventura einen
submarinen Inselsockel besitzt. Jetzt sind schon die weiß
leuchtenden Strände und Dünen bei Corralejo im Norden von
Fuerteventura zu erkennen.
Koffer-Los
Und dann sind wir unten. Wir stehen am Kofferband,
das sich erst mal nicht bewegt. Nicht nur wir, sondern auch die
Mitreisenden starren wie hypnotisiert auf das Loch mit der Rampe in
der Mitte des Bandrondells. Aber erst mal passiert gar nichts. Es
ist still. Eine komische Situation. Ungefähr 150 Personen stehen mit
ernsten Gesichtern am Kofferband. Gesprochen wird nicht. Dann gibt
es ein kleines Geräusch. Rumpelnd und scharrend setzt sich die
schwarze Raupe in Bewegung: der erste Koffer erscheint aus dem
dunklen Untergrund und wird auf das Band geschoben. Die
Menschenmenge am
Band wird unruhig und die Hälse werden länger.
Wann kommt mein Koffer? Auf dem Band dreht sich
jetzt ein buntes Sortiment von Koffern, Reisetaschen,
Sonnenschirmen, Kinderbuggies, Surf- und Kitebrettern, etc. Jedes
Stück findet seinen Eigentümer und wird mit unbewegter Miene vom
Band genommen.
Wir stehen immer noch am Band und starren auf die
Klappe. In meinem Kopfkino läuft gerade der Film: „DAS GEPÄCK IST
WEG“. Was ist, wenn die Koffer nicht da sind? Vielleicht wurden sie
falsch verladen und waren gar nicht in der Maschine? Wo müssen wir
den Nachforschungsantrag stellen? Wie lange dauert das? Und was
machen wir hier bei 25 Grad ohne Sommer- und vor allem Badekleidung?
Bekommen wir den Schaden ersetzt? Meine Lieblingskleider sind im
Gepäck. So tolle Kleider bekomme ich doch so schnell nicht wieder!
Während ich den Inhalt meines Koffers noch mal durchgehe, erscheint
Wolfgangs Koffer auf dem Band. Zu mir sagt er: „Dein Gepäck kommt
nie. Das ist in Moskau!“ Wie gemein.
Die Aufregung schlägt mir auf die Blase. Ich gehe
erst mal auf´s Örtchen. Wolfgang bleibt am Band. Als ich
zurückkomme, ist auch mein Koffer endlich ausgeladen. Mit einigen
anderen Nachzüglern schuckelt er völlig unbekümmert auf mich zu. Das
war´s. Jetzt zum Ausgang.
Hej, ist das hell und warm hier! Die Sonne scheint
von einem wolkenlosen Himmel. Meine Strickjacke hatte ich schon
ausgezogen. Jetzt würde ich am liebsten barfuss gehen. Es ist noch
nicht mal 11:00 Uhr und so warm! Toll, das frühe Aufstehen heute
morgen hat sich doch schon gelohnt.
Der Schock
"Steinbruch-Eiland"
Wo steht unser reservierter PKW? Wir finden den
Vertreter von Autos Soto. Die Abwicklung der Regularien ist
problemlos und wir erhalten die Schlüssel für einen Ford Fiesta und
die Geschäfts-bedingungen. Die hatten wir schon in Deutschland
erhalten und gelesen, dass mit normalen PKWs
keine unbefestigten Straßen oder Wege befahren werden dürfen. Bei
Schäden am Wagen zahlt die Versicherung nicht.
Uns war bekannt, dass die Zufahrt zur gebuchten
Ferienwohnung allerdings unbefestigt sein soll. Aber gut befahrbar,
so der Vermieter. Außerdem hätte er (der Vermieter) mit Autos Soto
abgesprochen, dass wir den Zufahrtsweg mit dem PKW befahren dürften.
Nun denn. Anderenfalls hätten wir einen fast doppelt so teuren Jeep
mieten müssen. Jetzt fahren wir erst mal los. Laut Straßenkarte auf
die FV2 Richtung Morro Jable. Auf dem Weg müssen wir eine Tankstelle
finden. Die Tankfüllungen bei Leihwagen auf den Kanaren sind gering.
Weit kommt man mit dem Benzin nicht. Nur wenige Kilometer südlich
des Flughafens halten wir an einer Tankstelle.
Die Sonne strahlt immer noch vom klaren blauen Himmel. Wir sind
allerdings ganz still geworden während unserer Fahrt auf der FV2
Richtung Süden. „Wie schrecklich!“ habe ich gedacht „und dafür haben
wir Geld ausgegeben“. Das sieht ja schlimm aus hier! Da kann man
doch keinen Urlaub machen. Innerlich bin ich ganz blass. Ich
erinnere mich gelesen zu haben: „entweder man mag Fuerte und kommt
immer wieder oder man mag es gar nicht und kommt nie wieder“. Jetzt
verstehe ich diesen Satz. Das ist keine Sonnen-Insel, das ist ein
Steinbruch! Vor den Gebirgszügen in der Inselmitte erstrecken sich
weites, karges Ödland und Geröllflächen. Ohne Baum und Strauch,
nichts Grünes schmeichelt dem Auge und der Seele. Aufgelockert wird
dieses braun-graue Landschaftseinerlei nur durch die im Wind
flatternden Sonnensegel von längst aufgegebenen Tomatenplantagen.
Wir sind enttäuscht. Was tun? Erst einmal
weiterfahren, tanken und die Ferienwohnung beziehen. Die Fahrzeit
vom Flughafen bis zur Halbinsel Jandia beträgt eine gute Stunde. Die
Straße führt aufgrund der Berge nicht direkt an der Küste entlang.
Vom Atlantik sahen wir nur in Flughafennähe etwas. Und da waren wir
noch gar nicht aufnahmefähig für den blauen Anblick.
Endlich: Das Meer!
Einige Kilometer vor Costa Calma bei Tarajalejo
bot sich uns auf einmal ein atemberaubender Blick: Vor uns lag der
Atlantik. Tiefblau und einladend. Das war doch was! Ja, genauso
hatten wir uns das gedacht. So sieht Fuerteventura auch in den
Reiseführern aus. Wir fühlten uns schon besser. Jetzt fuhren wir mit
Sichtkontakt auf den Atlantik weiter.
Plötzlich war die Straße von hohen Palmen umgeben.
Ein Ortsschild hatten wir nicht gesehen. Das muss schon Costa Calma
sein mit dem künstlich angelegten Palmengarten. So weitläufig und
vor allem so unvermittelt grün hätten wir die Anlage nicht erwartet.
Costa Calma: ein Urlaubsort aus der Retorte. Da hätten die Planer ja
zumindest eine Promenade und einen Marktplatz bzw. Ortsmittelpunkt
anlegen können. Das ist wahrscheinlich während des Baumbooms Anfang
der 70ger Jahr vergessen worden. Wichtig waren die Hotels, möglichst
in Strandnähe.
Fast unvorstellbar für uns, dass diese gut
ausgebaute und gut befahrbare Inselstraße, auf der wir Richtung
Süden fahren, bis 1980 eine reine Schotterpiste war. Wie haben das
die Urlauber des ersten Robinson Clubs in Jandia empfunden? Das ist
uns jetzt erst mal egal. Gleich hinter Costa Calma in der
Rechtskurve sollen wir laut Anfahrtsplan links in den Schotterweg
einbiegen.
Au weia! Das ist kein Schotter, sondern grobes
Geröll! Es hatte im Spätherbst – völlig untypisch für Fuerte –
relativ viel und stark geregnet. Die unbewachsenen Berghänge habe
keine Chance, das Wasser zu speichern. Es fließt ungehindert in die
Schluchten, die Barrancos, und reißt Erde und Geröll mit sich.
Unser Weg führt am Rand eines Hügels sanft hinauf.
Teilweise sind große Stücke des Weges vom Regen ausgewaschen.
Beklommen rumpeln wir mit dem Fiesta den Weg entlang. Die kleine
Appartementanlage können wir schon sehen. Sie macht von außen einen
verlassenen und verwahrlosten Eindruck. Wo sind wir hier nur
gelandet??? Hoffentlich setzt sich der bisherige Eindruck nicht in
der Wohnung fort. Große Spannung. Was erwartet uns jetzt?
Wir atmen auf: von innen ist die Ferienwohnung ein
Sahnestück: Hell, freundlich, sauber und gepflegt. Und eine
Superaussicht von der großen Terrasse. Vom Wohnzimmer aus der pure
Meerblick nach drei Seiten. Wir fühlen uns wie auf einem
Kreuzfahrtschiff. Unter uns der breite Strand der Playa Barca, der
sich ca. 20 km bis nach Morro Jable erstreckt. Bei Niedrigwasser
fallen weite Teile dieses flachen Strandes trocken und es bildet
sich ein großes Sandwatt, das auch bei Strandseglern beliebt ist.
Durch die Weitläufigkeit dieses Areals gibt es aber keine
Platzkonflikte zwischen Strandseglern, Surfern, Strandläufern und
Sonnenanbetern. Dicht an dicht gestellte Liegestuhlreihen sucht man
hier vergebens.
Und die Farbe des Atlantiks in der Mittagssonne:
Nicht nur einfach blau, sondern aufgrund des ganz flach abfallenden
Strandes türkis in allen Schattierungen bis hin zum tiefen Azurblau
weiter draußen. Eine faszinierende Farbkombination. So etwas hatten
wir auf Teneriffa nicht gesehen. Wir sind nun doch begeistert.
Wollen wir gleich baden gehen oder erst Kofferauspacken und die
Logistik erledigen? Logistik bedeutet für uns erfahrene
Ferienhausurlauber, Dinge des täglichen Bedarfs zu besorgen. Kurz:
einkaufen gehen. Wir entscheiden uns, erst die Pflicht zu erledigen.
Selbst gebucht oder
Urlaub aus der Konserve?
Natürlich ist man bei einer Individualreise
Selbstversorger. Auch das gehört zum Entdecken eines fremden Landes.
Im heutigen Europa ist das Einkaufen im Supermarkt zwischen dem
Nordkap und den Kanaren allerdings kein großes Abenteuer mehr. Bis
auf wenige Abweichungen, — in Skandinavien zum Beispiel ist
hochprozentiger Alkohol im Supermarkt nicht frei verkäuflich — sind
die Märkte identisch aufgebaut. Die führenden weltweiten
Lebensmittelmarken sind überall vertreten. Auch wenn man die
einzelnen Bezeichnungen in der Landessprache nicht lesen kann, ist
erkennbar, was drin ist; die Logos und Verpackungen sind gleich. In
Ländern mit Euro-Währung spart man sich auch das lästige Umrechnen:
Ist das jetzt teurer als bei uns?
Wir sind also im Supermercado Padilla (spanische
Supermarktkette) in Morro Jable. Was brauchen wir? Brot, etwas Käse,
einen schönen landestypischen Wein und aus dem reichhaltigen
Obstangebot die schönsten Früchte. Fertig.
Halt: Wir haben das Wasser vergessen. Auf den
Kanaren ist das Leitungswasser nicht genießbar. Es ist zwar nicht
gesundheitsschädlich, aber es schmeckt und riecht nicht besonders
gut. Alle Kanaren-Inseln — bis auf La Palma und Gran Canaria — haben
wenig Grundwasser oder Quellen. Auf Fuerteventura ist selbst das
rare Grundwasser teilweise mit Salzwasser versetzt und brackig. Das
Leitungswasser auf den kanarischen Inseln wird mit großem
Energieaufwand aus Meerwasser gewonnen. Trinkwasser muss also
gekauft werden. Es gibt die unterschiedlichsten Gebinde bis hin zum
5-Liter-Tragekanister im Supermarkt.
Wir decken uns reichlich ein. Jetzt haben wir aber
alles; ab zur Kasse. Wie in Deutschland findet hier das gleich Spiel
statt: in welche Schlange reihen wir uns ein? Natürlich in die, bei
der es am längsten dauert.
Das macht nichts. Wir haben Urlaub und keine
Termine. Wir sind an keine Essenzeiten gebunden, brauchen uns zum
Frühstück nicht komplett anziehen und Haare stylen bzw.
rasieren....... wir dürfen die Frühstückszeit verschlafen,
aufstehen, und unseren Kaffee im Schlafshirt trinken. Barfuss auf
der Terrasse. Ohne Herrn und Frau Meier, Müller und Schulze am
Nachbartisch!
Nachteil des selbst gebuchten Urlaubs: wir sind
absolute Selbstversorger. Manchmal haben wir keine Lust zu kochen
oder zu spülen; aber jeden Tag Essengehen strapaziert in einigen
Urlaubsregionen den Geldbeutel. Etwas Neid auf die Pauschaltouristen
kommt bei uns doch auf: Die setzen sich an einen gedeckten Tisch und
essen. Ist ja alles gebucht und schon lange bezahlt. Beim
Veranstalter. Und nach dem Essen gibt´s Programm mit Tanz und Show.
Das hat auch was. Vor Buchung der Reise hatten wir natürlich die
Preise in den Urlaubskatalogen verglichen. Fazit: Selbst gebucht und
gesucht in der absoluten Hauptsaison (auf den Kanaren ist das
Weihnachten) ist nur geringfügig günstiger und nur dann, wenn man
vor Ort bei der Verpflegung sehr sparsam ist.
Aus Gründen der Unabhängigkeit haben wir uns
trotzdem für die individuelle Urlaubsform entschieden. Bestärkt in
unserer Entscheidung hat uns ein Erlebnis in Jandia abends gegen ca.
23:00 Uhr. Wir hatten wunderbaren Grillfisch an der Avenida del Mar
gegessen. Das letzte Restaurant an der Promenade bietet auf der
Speisekarte „Morro-Fisch“ an. Was das denn sei, fragten wir hungrig.
Die freundliche Bedienung teilte uns mit: „Je nach Anlandung und
Fang der Fischer werden alle gängigen Atlantikfische gegrillt.“
Dazu gab es leckeren Salat und Papas Arrugadas mit
Mojo. Die Papas sind in Salzwasser gedämpfte, ungeschälte
Kartoffeln. Die Schale wird mitgegessen. Und die Mojo gehört einfach
dazu. Die Mojo-Soße gibt es in zwei Geschmacksrichtungen: die
pikante rote Variante mit Paprika und Chili oder die liebliche,
grüne Mojo mit Kräutern.
Wir saßen draußen, schlemmten und sahen auf´s
Meer. Drei Tage vor Weihnachten. Es war köstlich! Anschließend
bummelten wir durch Morro und Jandia Playa. Vor einem größeren Hotel
hielt ein Bus. Die Kofferklappe weit geöffnet. Davor standen müde
und zerzaust aussehende Urlauber und warteten auf die Kofferausgabe.
Kinder weinten. Aus einer nahen Disco schallte laute Tanzmusik
herüber. Die Gruppe machte keinen Urlaubseindruck auf uns. Nein,
danke. Wie eine Herde Lämmer. Da müsste man uns zwingen, bevor wir
Urlaub aus der Konserve buchen. Dann lieber unser kleines Stück
kalkulierbares Abenteuer — einschließlich Geröllstraße.
Und die machte mir zunehmend Sorgen. Während
unserer nächtlichen Rückfahrt von Morro war es stockdunkel auf dem
Weg. Ich machte mir so meine Gedanken. Was kostet die Reparatur
eines Achsenbruches oder ähnliches? Was kann alles kaputtgehen an
einem normalen PKW bei dieser Belastung? Sollten wir nicht doch
lieber das Auto gegen ein robusteres Fahrzeug eintauschen? Wir taten
es. Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem stämmigen und
unverwüstlichen Nissan Patrol über die Insel.
Blau-Gold
Zwei Menschen sind auch zwei Wünsche,
Vorstellungen, Meinungen und Ziele. Die Inselkarte liegt auf dem
Tisch und wir diskutieren (wieder mal). Wohin fahren wir heute? Wir
müssen die gesamte Insel nicht an einem Tag abfahren. Fuerteventura
ist knapp 100 km lang und damit die längste der Kanaren-Schwestern.
Wir wohnen an der Taille der Insel. An der schmalsten Stelle, wo der
Istmo de la Pared die Halbinsel Jandia von der Nordinsel trennt.
Auf Jandia befindet sich auch der höchste
Gebirgszug der Insel mit dem Pico del la Zarza (807 m). Ein
Wanderweg führt hinauf. Man braucht neben einer guten Kondition,
Ausdauer, gutes Schuhwerk, Sonnenschutz, Kartenmaterial (es gibt
gute Wegbeschreibungen in den Fuerteventura-Führern) auch
Trinkwasser und Verpflegung und ca. fünf Stunden Zeit für den
Aufstieg. Die Aussicht vom Gipfel über ganz Jandia soll für die Mühe
belohnen. So fit und lauffreudig sind wir nun doch nicht.
Wolfgang ist neben seinem Hobby Geologie auch
begeisterter Fotograf. Lieblingsmotiv: Leuchttürme. Damit ist die
Ziel-Entscheidung getroffen. Wir fahren erst mal Richtung Süden nach
Morro Jable. Dabei gibt es hier, an der schmalsten Stelle der Insel,
genug zu sehen. Riesige, spärlich bewachsene Dünen bilden die
Landenge. Eine wahre Farbsinfonie von Gelb- und Ockertönen erstreckt
sich bis zum Horizont. Wir können uns nicht vorstellen, dass gerade
dieser Teil der Insel vor einigen Mio. Jahren ein flacher, schmaler
Meeresarm war, der durch den Treibsand, der von Jandia aus wehte,
allmählich verlandete.
Heute bietet das ganze Gebiet einen grandiosen
Anblick. Im harten, klaren Mittagslicht wirkt der Himmel noch
blauer, die Konturen der großen Dünen zeichnen sich vor dem Himmel
messerscharf ab. Ich denke: „alles blau-gold. Es sieht doch toll aus
hier!“ Staunend fahren wir gemächlich auf der FV2. Noch führt die
Straße geradeaus, links der Atlantik, rechts erhebt sich der
Gebirgszug.
Die Farben und die Landschaftsstrukturen ändern
sich; das goldene Licht findet sich jetzt nur noch tief unter uns am
Strand von Esquinzo. Hier oben an der Straße wird fleißig gebaut.
Verständlich, bei soviel Strand und Meer werden Hotelbetten
gebraucht und die überlastete Landstraße wird durch eine neue
Schnellstraße ersetzt.. Diesen Abschnitt, von der Straße aus
gesehen, würden wir dann auch wieder Steinbruch-Eiland nennen. Das
klingt brutal. Die Insel scheint hier aufzuschreien. Riesige
Baulöcher sind in die Berghänge gebaggert worden.
Wir erreichen schließlich die größte Ferienstadt
Fuerteventuras: Jandia Playa. Die Hotels ziehen sich, nur durch die
Uferstraße vom Strand getrennt, ca. 2,5 km bis nach Morro Jable
hinein. Eine zweite Hotelreihe zum Land hin gibt es hier kaum.
Jandia ist für den Touristenstrom – in den Wintermonaten überwiegend
deutsche Urlauber – bestens gerüstet. Wir entdecken mehrere
Einkaufscenter und ein Ärztehaus.
Wer nicht am Strand liegt, geht bummeln. Geschäfte
für jeden Geldbeutel gibt es mehr als genug. Die Kanarischen Inseln
gehören zu Spanien und damit zur EU. Aufgrund der exponierten
Insellage – fast 1.000 Kilometer vom spanischen Festland entfernt –
bekamen die Kanaren eine „Extrawurst“ und sind zollbegünstigte Zone.
Bestimmte Waren sind wegen des fehlenden oder niedrigen Zolls
günstiger. Dazu gehört natürlich auch Parfüm und Kosmetik.
Und das ist mein Stichwort. „Also, Wolfgang, wir
suchen uns hier einen Parkplatz, ich geh´ bummeln und einkaufen.
Wolltest Du nicht den Faro de Jandia fotografieren?“ Der Leuchtturm
Jandia ist ein beliebtes Motiv. Er steht hoch, schlank und weiß über
den Salzwiesen der Playa. Abends allerdings bleibt er zur Landseite
dunkel. Man hat den Lichtstrahl abgedeckt, er könnte die Urlauber
während des Schlafes stören. Schade, ich sehe gerne das langsame
Kreisen eines Leuchtturmlichtes.
Wir treffen uns zufrieden nach einer Stunde vor
dem Einkaufscenter Cosmo. Sollen wir weiterfahren oder hier an der
Playa baden gehen? Badezeug und Handtücher haben wir immer im Auto –
man weiß ja nie, ob man seine private Traumbucht findet. Hier an der
Playa de Jandia stehen die Liegestühle und Sonneschirme allerdings
in Reih und Glied. Das ist nicht unser Ding. Unterhalb unserer
Ferienwohnung an der Playa Barca sieht es lockerer und vor allem
nicht so voll aus. Nun denn, jedem das seine.
Wilder Westen
Vom ehemals verschlafenen Fischerdorf Morro Jable
kennen wir bislang nur die Zufahrt zum Supermarkt. Die Straße führt
uns jetzt weiter bergauf und schlängelt sich am oberen Ortsrand
wieder steil hinunter bis zum Hafen. Der Anblick des großen
Hafenbeckens erstaunt uns. Das hätten wir nicht erwartet. Die große
Fähre nach Gran Canaria benötigt allerdings viel Raum für ihre
Manöver. Während der Hochsaison gibt es zweimal täglich Abfahrten
zur ca. 80 km entfernten Nachbarinsel Gran Canaria. Außerhalb der
Fährzeiten ist es — bis auf die Bautätigkeit oberhalb des Hafens —
eher ruhig im Hafengebiet. Mit den Rückwänden zum Felsen entsteht
eine Appartementanlage. Bunt bemalt, dicht an dicht erinnert der
Anblick an die Hummerbuden auf Helgoland.
Vom Hafen aus fahren wir weiter, um unser Ziel Punta de Jandia zu
erreichen. Das ist der äußerste Punkt im Südwesten der Insel. Ich
bin froh, dass wir das Auto getauscht haben. Gleich hinter Morro
Jable hört die asphaltierte Straße auf. Von nun an führt der Weg
über eine Schotterpiste. Klar, dass man hier nicht so schnell fahren
kann. Trotz der geringen Geschwindigkeit ziehen wir eine große
Staubwolke hinter uns her.
Jetzt wird es richtig abenteuerlich. Nur 20 km
liegt der Südwestzipfel Fuertes von Morro Jable entfernt. Uns kommt
die Strecke doppelt so lang vor. Hatte ich bislang von Schotter-
oder Geröll gesprochen? Diese Strecke ist eine Mondlandschaft. Auf
jeden Fall nichts für schlecht gefederte Fahrzeuge oder
Rückenkranke. Die Mühe lohnt sich. Wir erreichen eine skurrile
Ansammlung von Baracken, die den hochtrabenden Namen Puerto de la
Cruz trägt. In einem Fuerte-Führer fand ich sogar den Hinweis auf
eine urige Kneipe in diesem Nest. Wir sahen aber — wahrscheinlich
auf Grund der Tageszeit — weder eine Terrasse mit Bewirtung noch
überhaupt Menschen.
Dunkle Wolken zogen von Nordwesten heran. Alles in
allem: eine düstere Stimmung in diesem Ort. Also weiter bis zum
Leuchtturm. Der steht hoch auf einer Klippe. Die kurze Westküste
hebt sich hier zerklüftet und schwarz über den Atlantik. Solche
Wellen hatten wir noch nicht gesehen: Im Rhythmus rauschen sie
weißköpfig heran, überschlagen sich und donnern gegen die Felsen.
Was für ein Schauspiel!
Darüber der Himmel mit fliegenden, dunklen Wolken. Wir fühlen uns
ungemütlich und es ist kalt. Ja, kalt. Gut, dass wir die Windjacken
dabei haben. „Lass uns doch bitte zurückfahren“, bitte ich Wolfgang.
„Ich fühle mich hier draußen vom Wetter bedroht.“ „Nein, wir fahren
noch das kurze Stück zur Nordecke,“ schlägt er vor.
OK. Wenn wir schon mal hier sind. Parkplatzsorgen
hat man an diesem einsamen Flecken nicht. Den Nissan stellen wir auf
ein Plateau und genießen vom Wagen die Aussicht und den kochenden
Atlantik unter uns. Schnell ist die Windschutzscheibe schmierig und
nass. Die Gischt weht bis hier hinauf. Ich denke an die
Sonnenanbeter an der goldenen Playa nur 20 km weiter im Osten von
uns. Danach wäre mir jetzt auch. Sonnenwärme, Licht und ein zahmer
Atlantik.
Sand & Glas
Wir fahren zurück und gehen direkt unter unserer
Ferienwohnung am „Hausstrand“ baden. Wie praktisch, wir brauchen nur
den Pfad entlang des Hügels hinuntersteigen, am Surf Center von Rene
Egli vorbei und schon sind wir da. Alles ist hell, warm und blau!
Wir liegen am Strand und freuen uns unseres Lebens.
Am meisten Spaß macht mir die Vorstellung, dass
über Deutschland gerade ein Schneeregen-Tief hinweg zieht. Wohlig
greife ich in den warmen, feinen Sand. Ich glaube nicht an das
Märchen seiner Herkunft aus der Sahara. Zugegeben, die Ostinseln
Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria liegen am dichtesten vor
der afrikanischen Küste. Nur knapp 100 km trennen Fuerteventura von
Kap Juby in Marokko. Angestrengt starre ich nach Osten. Kann ich den
großen Kontinent sehen? Nein, ich sehe Himmel, Meer und Sand. Und
dieser Sand wird nicht mit dem Wind aus der Sahara hergeweht. Wenn
das so wäre, wäre die Luft nicht so klar und hier wäre wohl kaum
eine Urlauberhochburg. Das gilt auch für die anderen Inseln,
insbesondere Gran Canaria. Wann sollte denn der Wind den Saharasand
hergeweht haben? Und warum hat dann Lanzarote im Verhältnis zu
Fuerteventura und Gran Canaria so wenig Strand und Dünen abgekommen?
Jetzt wird es fast wissenschaftlich: Die
Sandflächen vor und um die Inseln waren da, so wie überall auf der
Erde, wo es Strände, Dünen und Wüsten gibt. Während der langen
Entstehungsphase des Archipels vor 20 Mio. Jahren waren neben dem
Vulkanismus auch andere Kräfte mit im Spiel. Durch Absenkung des
Meeresspiegels und des weitflächigen Inselschelfs wurden die
fossilen, schon vorhandenen Sände freigelegt. Und damit waren die
Strände geboren. Der Wind tat dann das übrige. Ein weiterer Beweis
ist die Zusammensetzung des Sandes auf Fuerteventura und den anderen
beiden Ostinseln, der überwiegend aus Carbonat besteht. Der
Saharasand ist quarzhaltiger und weitaus dunkler als der fast weiße
Fuerte-Sand. Wer jemals auf Teneriffa an der Playa Teresitas vor
Santa Cruz war, weiß, wovon ich spreche. Die Playa Teresitas besteht
aus Sand, der aus der Sahara importiert wurde. Und der ist
dunkelgelb und grobkörnig.
„Wir sind zum Baden an den Strand gekommen! Los,
Wolfgang, jetzt aber hinein.“ Der Wind hat in der Mittagszeit noch
ein bisschen zugelegt, der Atlantik reagiert darauf mit einer
schönen, fast heftigen Brandung. Nachdem wir die Brandungszone
durchschritten und etwas durchlitten hatten, — die Wassertemperatur
beträgt im Dezember nicht mehr als 19 Grad —, lassen wir uns tragen.
Ja, tragen.
Der Atlantik hat einen höheren Salzgehalt als die Nord- und Ostsee.
Und Salzwasser trägt gut. So liegen wir fast mühelos auf dem Rücken
in der Dünung und genießen das blaue Licht. Ich fühle mich sanft
geschaukelt und denke beim Anblick des kristallklaren,
türkisfarbenen Wassers, auf dem ich schwebe, an flüssiges Glas. Hier
bleibe ich.
Der Nase nach
Über Fuerteventura zu schreiben, ohne den
Passatwind zu erwähnen, wäre wie ohne Wasser zu schwimmen. Der Name
Fuerteventura leitet sich – und hier scheiden sich die Geister –
entweder von „starker Wind“ (Fuerte = stark — Ventus = lat. Wind) ab
oder von Que fuerte ventura! (Was für ein starkes Abenteuer!) Das
war der Ausruf des normannischen Eroberers Béthencourt, der Ende
1404 von Lanzarote aus die Insel einnehmen wollte. Beide Namen sind
treffend.
Auf jeden Fall hat der Nordostpassat seinen
Ursprung in der erwärmten Luft über dem Äquator und dem kühlen
atlantischen Kanarenstrom: Kurz: es bildet sich ein stabiles
Hochdruckgebiet und dieses dreht bekanntlich auf der Nordhalbkugel
im Urzeigersinn. Der Wind kommt also aus Nordost, kräftig und
beständig zur Freude der Surfer. Der Passat bringt auch Feuchtigkeit
mit, die sich – wenn die Berge auf Fuerte hoch genug wären – an den
Bergen aufstauen und dann abregnen würde. Auch Lanzarote, und der
Süden Gran Canarias sind zu flach, um die Passatwolken zu halten und
zu „melken“. Daraus kann man fast eine Faustregel für Sonnengarantie
auf den Kanaren ableiten: Wind und Wolken an den Nordküsten, Sonne
und Wärme in den südlichen Bereichen der Inseln.
Es wird langsam Zeit, sich mal wieder um die
Versorgung zu kümmern. Morgen ist der 24. Dezember! Natürlich haben
in den Urlaubsgebieten die Geschäfte auch an Feiertagen — teilweise
sogar bis 22.00 Uhr — geöffnet. In Spanien wird Weihnachten erst am
25. Dezember gefeiert. Wir haben gar kein Weihnachtsgefühl. Wie soll
denn bei Badewetter Weihnachtsstimmung aufkommen? Eigentlich sind
wir ja auch hier, um dem Trubel in Deutschland zu entgehen.
Etwas rummelig ist es allerdings auch in den
Supermärkten. Die spanischen Hausfrauen kaufen für die Feiertage
ein. Das Personal im Supermarkt trägt rote Nikolausmützen. Aus den
Lautsprechern schallen uns Weihnachtslieder entgegen. Ein komisches
Gefühl, dies alles in Strandlatschen und T-Shirt zu erleben! Es
riecht auch nicht nach Tannen, Zimt, frisch Gebackenen oder gar nach
Glühwein. Darüber freue ich mich. Habe ich doch festgestellt, dass
Fuerteventura einen ganz eigenen, inseltypischen Geruch hat. Wenn
ich bei späteren Reisen aus dem Flughafengebäude komme, atme ich
zuerst tief ein und halte die Luft so lange wie möglich. Es ist
absurd, aber ich fühle mich heimisch und denke – fast pathetisch:
„zu Hause“.
Liebe geht durch den Magen und durch die Nase.
Anderenfalls würde es ja nicht heißen: jemanden oder etwas nicht
riechen können. Ich habe lange geschnuppert und überlegt, was denn
nun für mich so wunderbar riecht auf Fuerteventura. Ein lieber
Freund und ebenfalls Kanaren-Liebhaber behauptet, es wäre der
Atlantik mit seiner Salzluft, der für den Duft verantwortlich ist.
Das könnte stimmen. Der Geruch ist für mich jedenfalls da und passt
wunderbar zur bizarren Landschaft Fuerteventuras.
Am 24. Dezember werde ich relativ früh wach. Wolfgang schläft noch.
Ich stehe auf und setze mich auf die Terrasse. Es ist ganz still,
der Strand ist menschenleer. Die Sonnenanbeter und Surfer schlafen
wohl auch noch. Sanft atmet der Atlantik, die Wellen rollen langsam,
flach und müde heran. Vor die aufgehende Sonne schiebt sich eine
graue Wolkenbank, die mit ihrem unteren, dunklen Bereich bis in den
Atlantik zu reichen scheint. Das ist ein toller Kontrast zu den
oberen gelb-orangen Wolkenrändern.
Die Dünenberge um die Ferienwohnung sind in
feuerfarbenes Licht getaucht. Ich sitze, schaue und genieße und habe
mein Aha-Erlebnis, was Fuerteventura angeht: Man muss zweimal
hinsehen, um den Reiz der bizarren Landschaft zu entdecken. Diese
spröde schöne Insel offenbart sich nicht dem oberflächlichen
Betrachter. Aber wenn sie einen eingefangen hat mit ihrer scheinbar
schroffen Art, dann ist das für eine gewisse Dauer und dann spricht
man liebevoll von ihr und nennt sie nur kurz FUERTE. Eines wusste
ich jetzt schon, ich gehöre zu den Leuten, die wiederkommen nach
Fuerte. Versprochen.
Der Norden
Schließlich haben wir in der vergangenen Woche
erst einen Bruchteil der Insel gesehen und entdeckt. Heute wollen
wir eine große Tour unternehmen Richtung Norden nach El Cotillo.
Natürlich steht an dieser exponierten Nordwestecke ein Leuchtturm.
Aber es gibt mehr zu sehen. Schon allein die Anfahrt quer über die
Insel ist lohnenswert und eigentlich reicht ein Tag dafür nicht aus.
Wir beschränken uns auf die Küstenregionen. Und
dieses Stück Küste zwischen El Cotillo und Faro de Tostón nimm
unsere ganzen Sinne in Anspruch. Zunächst sind wir mal wieder
geschockt über den irgendwie heruntergekommenen Eindruck, den der
ehemalige Fischer- und Festungsort El Cotillo macht. Aber es geht
aufwärts. Im Norden des Ortes entstehen zögerlich Appartementanlagen
und kleine Hotels.
Warum auch nicht? Zahlreiche Lagunen mit fast
schneeweißem, allerfeinstem Sand sind ein prächtiger Anblick und
laden zum Baden und Verweilen ein. Bei Niedrigwasser wärmt sich das
Wasser in den flachen Lagunen schnell auf. Es ist ruhig und warm
hier, der ruppige Atlantik bleibt draußen vor dem Lagunenriff aus
Lavagestein. Wir sind begeistert von der Farb- und Formenvielfalt
und den starken Kontrasten zwischen den weichen, hellen, fließenden
Lagunenformen und den harten, schwarzen Lavariffen.
Unvorstellbar und unverzeihlich an diesem Traumort:
Wir streiten! Jeder von uns hat eine besonders schöne Badebucht
gefunden und möchte gerade in dieser bleiben und baden. Eine
Entscheidung ist nicht in Sicht. Wohl aber ein Campingbus mit
gleichgesinnten Naturliebhabern. Sie nehmen uns die Wahl ab und es
bleibt die von Wolfgang favorisierte Bucht. Sind wir denn
größenwahnsinnig, zu glauben, dieses Naturschauspiel ist nur für uns
alleine da? Und die Zeit können wir auch nicht anhalten. Bis zu
unserer Wohnung sind es noch einige Kilometer zu fahren, und wenn
wir uns Corralejo mit den Dünenfeldern, die El Jable genannt werden
und unter Naturschutz stehen, ansehen wollen, müssen wir jetzt los.
Von Süden kommend empfängt uns dieser lebhafte Urlaubsort mit dem
Anblick von mehreren hohen Baukränen. Wir haben uns schon fast an
den Anblick von Baulandschaften auf Fuerteventura gewöhnt. Es
scheint zur Insel zu gehören. Das ehemalige Fischer- und
Schmugglernest Corralejo ist in den letzten 30 Jahren zu einem
beliebten, quirligen Urlaubsort gewachsen. Für Unterhaltung und
Abwechslung ist in dem zweitgrößten Feriengebiet von Fuerte bestens
gesorgt. Wir steuern erst mal den Hafen an. Von hier fährt die Fähre
nach Lanzarote und das Ausflugsschiff nach Lobos. Die kleine Insel
liegt nur knapp 2 km getrennt durch den schmalen, relativ flachen
Meeresarm El Río (Der Fluss) im Norden Fuertes.
Das ganze Gebiet einschließlich Meerenge steht
unter Naturschutz. Auf Lobos kann nur gewandert werden, Autos sind
verboten. Die Versorgungsmöglichkeiten sind von einfacher Qualität.
Wer auf der Insel einkehren möchte, meldet das bei Ankunft am Hafen
an. Wir sind unschlüssig, ob wir doch noch einen Tag für Lobos
einplanen. Schließlich entscheiden wir uns dagegen.
Die Liste des Ungesehenen auf Fuerteventura ist
einfach noch zu lang und 14 Tage Urlaub reichen für die Entdeckung
dieser Insel einfach nicht aus. Es gibt auf Fuerteventura keine
vordergründigen Sensationen, spektakuläre Sehenswürdigkeiten oder
Naturschauspiele, wie z.B. der Timanfaya Park auf Lanzarote.
Trotzdem sind wir immer wieder hingerissen von den vielfältigen
Eindrücken und Anblicken, die diese karge Insel mit ihrem
wüstenhaften Charakter vermittelt.
Inzwischen haben wir Corralejo verlassen. Wir
haben es gesehen, für uns gab es nichts, was uns zum Bleiben hätte
veranlassen können. Also weiter auf die FV2 Richtung Süden. Zu
unserer linken Seite beginnen die weiten Strände. Inmitten dieser
weiß-gelben Wüstenlandschaft thronen zwei große Hotelanlagen. Fast
isoliert vom quirligen Treiben in Corralejo sind die beiden großen
Gebäude nur von Sand und Dünen umgeben. An den weitläufigen, flachen
Stränden ist ebensoviel Trubel wie in Jandía. Mit dem immer
passenden Wind dazu ist das ein Paradies für Wassersport jeglicher
Art.
Paviane und Ziegen
So eine Inseltour macht müde. Morgen möchte ich
nicht fahren. Wolfgang stimmt mir zu. Wir wollen einen absolut
faulen Nur-Badetag einlegen. Mal sehen, wie lange wir das aushalten
und ob das Wetter mitspielt. Von Bekannten, die zur gleichen Zeit
ihren Urlaub auf Gran Canaria verbringen, hatten wir gehört, es wäre
wenig sonnig und es hätte schon so einiges geregnet auf Gran
Canaria.
Da können wir uns freuen, wir haben auch am
nächsten Tag allerfeinstes Strandwetter. Das gilt es zu nutzen. Nur
an welchem Strandabschnitt? Zunächst gehen wir unseren Dünenberg
hinunter. Bei Hochwasser ist der breite Strand teilweise knietief
mit Wasser bedeckt. Eine Nehrung vor der Brandungszone macht es
möglich, auf dieser langen Sandzunge mehrere Kilometer zu wandern.
Es ist einfach traumhaft, schöner kann es in der
Karibik auch nicht sein. Im Süden flimmert der Horizont. Wie weit
wollen wir noch gehen? Schließlich haben wir keinen Rücktransfer,
sondern müssen die jetzt mit soviel Gehfreude und Rückenwind
zurückgelegte Strecke wieder zurücklaufen. An besonders schönen und
bezaubernden Stellen machen wir Pause, gehen Baden und beobachten
einen wahren Treck von Gleichgesinnten, die zum Teil schon mehrere
Stunden unterwegs sind. Diese Strandläufer kommen von der Playa
Jandia, sie sind bis auf einen Sonnenhut und Rucksack auf dem Rücken
nackt. Ich amüsiere mich. Nicht wegen der Nacktheit, das bin ich ja
selber. Ein völlig nackter Mensch nur mit einem Rucksack bekleidet
ist einfach ein kurioser Anblick.
Fuerte ist bekannt für seine Freizügigkeit an den
Stränden, was FKK angeht. Für mich ist das Baden ohne Badezeug das
Vergnügen pur. Und praktisch ist es obendrein. Bei dem nicht zu
unterschätzenden Wind sollte man das nasse Badezeug nicht
anbehalten. Als Badenackedei spart man sich den lästigen
Bikiniwechsel. Da liege ich nun im Eva-Kostüm und kann genau sehen,
wer schon länger auf der Insel ist. Das sind die, die nahtlos braun
sind. Die anderen haben noch reichlich weißes Fleisch zum Bräunen
oder Röten. Wenn dann das Hinterteil mit einem Sonnenbrand verziert
ist, ist der Gedanke an einen Pavian nicht fern.
Natürlich sorgen alle für ausreichenden
Sonnenschutz. Das wird ja – genauso wie die Sache mit dem Wasser aus
der Leitung – überall publiziert. Die Sonneneinstrahlung, selbst bei
bedecktem Himmel ist aufgrund der Äquatornähe stark und für unsere
blasse, norddeutsche Haut einfach zu heftig. Weitere verstärkende
Faktoren sind der etwas kühlende Wind und das Salz, das vom Baden
auf der Haut zurückbleibt. Es ist unerlässlich, sich abends den Sand
und das Salz abzuduschen. Und das auf einer Insel, die praktisch
keine Süßwasserreserven hat. Ich mag gar nicht daran denken.
Dass es mit der Landwirtschaft aufgrund des Wassermangels auf
Fuerteventura nicht so gut bestellt ist, liegt auf der Hand. Die
Anlage von großen Tomatenplantagen, die mit Klärwasser berieselt
werden, ist wegen der großen Konkurrenz der Nachbarinseln nicht sehr
ertragreich.
Das einzige Nutztier, das mit der spärlichen
Vegetation zufrieden ist, und zudem auch noch das wenig Vorhandene
mehr als kurz hält, sind Ziegen, Cabras auf spanisch. Und das
Wahrzeichen Fuerteventuras. Als Schriftzug „FUERTE“ stilisiert sind
sie als Aufkleber, Schlüsselanhänger oder Schmuckstücke in den
Souvenirläden zu kaufen. Eine Ziegeninsel also. Selbst die
Hauptstadt Puerto de la Rosario trug bis zum Ende des 18.
Jahrhunderts den Namen Puerto Cabras (Ziegenhafen) Der Grund dafür
lag in einem Bach, der in der Nähe des noch nicht vorhandenen Hafens
in die damalige Ankerbucht floss. Dieser Bach diente als
Ziegentränke.
Heute gibt es mindestens soviel Ziegen wie
Einwohner (ca. 70.000) auf der Insel. Es ist nicht leicht, die
kleinen Tiere in freier Wildbahn zu entdecken, sie sind gut getarnt
und verschmelzen aufgrund ihrer dunklen Erdfarben mit der
Landschaft. Das sind die „freien Ziegen“, sie dienen nur der
Fleischproduktion. Daneben gibt es einen Bestand von Gehege-Ziegen,
die gefüttert werden müssen. Als Gegenleistung liefern sie eine
Menge Milch. Und die Milch macht´s! Die Käseherstellung ist neben
dem Tourismus ein wichtiges Standbein der Inselwirtschaft. Aus der
Produktion der Inselkäsereien werden nicht nur die Nachbarinseln,
sondern auch Delikatessen- und Spezialitätengeschäfte in Deutschland
beliefert. Selbstverständlich haben wir uns auch mit diesem
Inselprodukt versorgt und festgestellt, der „Queso Majorero“ passt
zu jeder Mahlzeit mit seinem herben, würzig-salzigen Geschmack.
Hoch hinaus
Bislang ist es uns noch nicht langweilig geworden.
Auch wenn wir hier ziemlich faul am Strand liegen. Morgen werden wir
wieder unterwegs sein. Mittlerweile kennen wir bestimmte Strecken
und Abschnitte zwischen Costa Calma und Morro Jable sehr gut. Dazu
gehört auch – fast ein Geheimtipp – der Strand vor den Casas Risco
del Paso. Auch hier wieder das gleiche Bild: Der Strand streckt
sich. soweit das Auge reicht. endlos in Nord-Süd-Richtung. Oberhalb
des Strandes, in den Dünen, befindet sich eine kleine
Bungalowanlage, die in keinem Urlaubskatalog angeboten wird. Wer
hier wohnt, braucht auf jeden Fall ein Auto und ist auf sich selbst
gestellt. Ein sonniges, aber einsames Fleckchen.
Wir fahren weiter mit dem Ziel Cofete. Die einzige
Zufahrt zu diesem exponierten Ort führt ein Stück über die
Schotterpiste südlich von Morro Jable, dann rechts ab über den
Gebirgszug von Jandía. Zunächst ist die Streckenführung einigermaßen
moderat. An die Wegequalität und das braun-graue Flair der Berge
haben wir uns längst gewöhnt. Der Begriff unwirtlich wäre noch
geschmeichelt. So rumpeln wir um den letzten Berg herum und sind auf
der Nordflanke des Jandia-Massivs. Bei einer kleinen Parkbucht
halten wir.
Die Aussicht ist wie aus dem Flugzeug, unter uns
schweben dünne Wattewolken. Dazwischen erkennen wir die Küstenlinie
von Jandia. Grandios! Allerdings sind wir nur kurze Zeit mächtig
beeindruckt. Wir fahren jetzt schon einige Kilometer abwärts auf
einer nur einspurigen Strecke, die keine Begrenzungen oder
Absicherungen zu den tiefen Schluchten hat. Vorsichtig spähe ich
über Wolfgangs Schulter in den Abgrund. Ja, da liegt ein PKW.
Einfach den Berg runtergekullert. Was passiert eigentlich, wenn uns
hier an dieser schmalen, steilen Stelle ein Wagen entgegenkommt? Die
Angst macht mich ganz still. Wolfgang ist ebenso schweigsam und
fährt konzentriert. Wir haben Glück: es kommt wieder eine Parkbucht
und ein entgegenkommendes Fahrzeug. Die Gesichter der Insassen
zeigen deutliche Stress-Spuren. Und das schlimmste kommt erst noch.
Cofete selbst sieht aus wie ein verlassenes
Goldgräberdorf. Verrottet und einsam. Typisch für die Nordseite der
Insel sind wieder die dicken, dunklen Wolkenbänke. Selbst bei
Sonnenschein würde Cofete nicht attraktiver wirken. Aber der Strand
soll doch so toll sein, haben wir gelesen. Und den sehen wir uns
jetzt an. Die Strandfläche ist makellos glatt und ohne Fußspuren.
Mit einer leichten Wölbung neigt sie sich dem tosenden Atlantik
entgegen. Hier kann und darf man nicht baden! Das wäre
lebensgefährlich bei der tosenden Brandung und den hier herrschenden
starken Unterströmungen.
Für heute ist mein Abenteuerbedarf gedeckt. Bleibt
nur noch die Rückfahrt über den Pass. Wir prüfen auf der Inselkarte,
ob es einen anderen Weg in den heimeligen Süden der Insel gibt. Da
wir keine Eintragungen auf der Karte finden, müssen wir die bereits
bekannte Piste entlang und über das Jandia-Massiv fahren. Wir haben
tief aufgeatmet, als wir wieder auf der befestigten und ebenen FV2
waren.
Gott sei Dank!
Verdorben für alle
anderen Inseln
Es dauert ein paar Tage, bis wir uns wieder auf
die Piste trauen. Die vergangenen Tage haben wir nur gebadet,
geschlafen, gebadet, gut gegessen, gebadet, geschlafen..... was man
auf einer Traumstrand-insel wie Fuerteventura am besten tun kann.
Wir waren zum Bummeln in Jandia und Costa Calma und haben uns die
schwarzen Lavastrände von Tarajalejo und Gran Tarajal angesehen.
Während wir über die einsame Promenade von Gran
Tarajal bummeln, schlägt Wolfgang vor: „Von hier ist es nicht weit
bis zum östlichen Punkt der Insel und dem Faro Entallada. Lass uns
doch eben hinfahren.“ Ich bin unschlüssig. Auf eine weitere Bergtour
„á la Cofete“ habe ich keine Lust. Wolfgang beruhigt mich: „Es ist
nicht weit und wir fahren über asphaltierte Straßen“.
Woher er das wissen will, ist mir nicht klar. Ich
gebe nach und wir fahren Richtung Las Playitas. Und dieses
pittoreske Fischerdorf mit Promenade sieht aus wie aus einem
Urlauberprospekt. Weiße, kastenförmige Häuser gruppieren sich
terrassenartig um die kleine Bucht. Dazwischen, in den schmalen,
urigen Gassen wachsen Palmen und Blumen.
Für Las Playitas ist es nur von Vorteil, dass es
dort keinen vollkommenen Badestrand gibt. Ansonsten wäre der
Massentourismus schon längst im Ort und der kanarische Charme des
Dorfes würde erheblich darunter leiden.
Eigentlich sind wir nur in Las Playitas gelandet,
weil wir die Abzweigung zur Punta Etallada verpasst haben. Jetzt
sind wir aber auf dem richtigen Weg zum Punkt, der Afrika am
nächsten liegt. Die Straße ist nur etwas breiter als einspurig,
asphaltiert und mit Steinbaken zu den Abgründen gesichert. An den
steilen Hängen links und rechts der Straße grasen Ziegen. Wir fahren
langsam, genießen die bezaubernden Aussichten und gewinnen immer
mehr Höhe.
Nach einer Kurve steht plötzlich eine kleine
Ziegenherde mitten auf der Straße. Unser Hupen wird ignoriert.
Langsam rollen wir auf die Herde zu, die sich jetzt teilt. Rechts
von uns steigt der Berg steil an, linkerhand ist der steile Abgrund.
Die Ziegen haben keine Ausweichmöglichkeit, und unser Überholmanöver
misslingt. Wir teilen die Herde mit dem Ergebnis, dass die
weiblichen Tiere vor dem Wagen laufen. Hinter uns rennt der
aufgeregt meckernde Ziegenbock. Schade, dass wir dieses kuriose Bild
nicht aus der Entfernung sehen können. Wir lachen.
Das geht dann einige 100 m so, bis zur nächsten
Parkbucht. Die Herde ist wieder vereint und wir setzen sehr
erheitert den Weg fort. Und dann sehen wir den Faro Entallada. Ein
eindrucksvolles Bauwerk ohne klassische Leuchtturmfigur. Die Anlage
besteht aus drei symmetrisch angelegten Gebäuden, das mittlere ist
etwas höher und schmaler mit der Lichtkuppel. Die eigenwillige
Architektur wird durch die mit Lavastein verkleideten Außenmauern,
deren Fugen kalkweiß gestrichen sind, verstärkt. In vielen
Reiseführern über Fuerteventura ist dieser Anblick abgebildet. Auch
Wolfgang macht Fotos. Am liebsten würde er einen Hubschrauber
chartern und noch von oben knipsen! Ich stehe währenddessen an der
äußeren Mauer des Areals und blicke auf den endlosen, blau
leuchtenden Atlantik. Dabei nehme ich Abschied von dieser
faszinierenden Insel mit ihrem herben Charme, die mich mit ihrer
Schönheit für alle anderen Inseln verdorben hat.
Morgen ist unser Rückflugtag. Und das bedeutet,
wir müssen heute die Koffer packen. Wo lassen wir die Plastikbeutel
mit den Sandproben der verschiedenen Strände? Die gesammelten
Muscheln wiegen nicht viel. Gewicht bringen die runden,
schwarz-blauen Lavasteine und die gelbweißen, vielschichtigen
Kalkgesteine.
Das von Wolfgang gesammelte Sortiment an versteinerten Bienennestern
wird in die Schuhe gesteckt. Diese fossilen Nester sind aus
hellgelbem, porösem Material, etwas kleiner als ein Hühnerei, innen
hohl und damit sehr zerbrechlich und für einen Geologen wertvoll.
Wir sind wieder überpünktlich am Flughafen. Das Auto haben wir
abgeliefert, die Koffer sind aufgegeben. Nun sitzen wir auf der
Außenterrasse des Aeropuertos Rosario. Von hier blicken wir über die
Lande- und Startbahn auf den Atlantik. Heute ist Silvester! Laut
Flugplan sollten wir um 21.00 Uhr in Bremen landen. Da ist noch
genügend Zeit, nach der Ankunft mit Freunden den Jahreswechsel zu
feiern. So denken wir.
Dass alle Flüge von Deutschland und damit auch
unser Rückflug aufgrund des starken Schneefalls in Deutschland
verspätet landen, erfahren wir erst jetzt. Eine Stunde Verspätung!
Wie schrecklich. Jetzt müssen wir noch länger hier warten und die
ankommenden Urlauber beneiden. Wir sind genervt. Wenn es denn nun
endlich losgehen würde...! Unsere Maschine ist gerade erst gelandet.
Bis sie wieder abflugbereit ist, vergeht auch noch mal ein Stunde.
Hoffentlich landen wir noch vor dem Jahreswechsel
in Bremen!
Wir tun es. Nach 6 Stunden Flug — wir haben wegen
des Schneefalls in Norddeutschland nicht sofort landen können und
mehrere Platzrunden gedreht — landen wir auf der endlich
freigeräumten Landebahn in Bremen. Es ist inzwischen nach 23.00 Uhr.
Trotz des Schneefalls können wir schon einige voreilige
Silvesterraketen am Himmel erkennen. Wir sind müde, es ist kalt und
dunkel und wir haben Sehnsucht nach Fuerteventura. Nur das
schlitterige, langsame Fahren durch die tiefen Schneefurchen auf der
Straße erinnert an unsere Inseltouren. Pünktlich um Mitternacht zum
Neuen Jahr sind wir wieder zu Hause. Que Fuerte Ventura!
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